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Video-Filmkritik: „Valerian“ : Dekolonisiert den Kosmos!

Der Hauptreiz von Bessons Film liegt indes ohnehin woanders als bei ihnen, nämlich beim filmischem Zugriff auf die Tradition des frankobelgischen Science-Fiction-Comics, die diesem Genre mit erstklassigen Werken von „Valerian et Laureline“ über die in den Achtzigern geschaffenen „Incal“-Geschichten des Duos Moebius und Jodorowsky bis hin zu Lewis Trondheims und Olivier Vatines im letzten Jahr begonnener „Infinity 8“-Serie längst das Weltniveau vorgibt. Im Science-Fiction- (wenn schon nicht im Superhelden-)Comicfach sind die Amerikaner Nachzügler.

Die besten Minuten im Film gehören ihr

Jene frankobelgische Tradition denkt das Künftige und Außerirdische von Paris und Brüssel aus, statt es wie das kinobeherrschende Hollywood-Blockbusterwesen um Kulturelles, Wirtschaftliches, Technisches und Politisches aus New York, Washington und Los Angeles zu gruppieren. Europa hat andere Ideen von der Zukunft und eine längere Geschichte (die außerdem mindestens ein Jahrhundert länger Weltgeschichte ist als die des heutigen amerikanisierten Westens). Aus dieser europäischen Tiefenzeit kommt nun das Menschheitsverbrechen, das Besson in „Valerian“ in die Zukunft verlegt: der Kolonialismus im europäischen Imperialismus. Der Planet Mül, eine Art Südsee-Afrika, wird erst kaputtgemacht, dann jagen die Hochtechnisierten auch noch seinen übriggebliebenen im All verstreuten Naturresourcen hinterher (in Wirklichkeit, auf der Erde, war’s eher umgekehrt, aber so herum gibt’s heftigere 3D-Bilder).

Die Leute von Mül wirken afrikanisch, wenn auch mit wächsern-weißlicher Haut – triftiger ist die emphatische Unnatürlichkeit computergenerierter Bilder im Kommerzkino selten für die Suggestion sozialer Fremdheit genutzt worden. Nicht nur mit diesen Wesen gelingt Besson überraschenderweise etwas, das man eher aus den Vereinigten Staaten erwartet hätte: die (manchmal allerdings verkürzende, versimpelnde) Popularisierung des sogenannten Afrofuturismus, einer Strömung der Science-Fiction, die zwischen den Büchern von Octavia Butler oder Nnedi Okorafor, der Musik von Sun Ra oder Janelle Monáe und der bildenden Kunst der Otolith Group die westliche Modernität mit spekulativen Erzählwerken an ihre gewaltsame Ur-Akkumulation von geraubtem Reichtum und unterworfenen Fremden erinnert.

Die Zivilisation, in der das Genre „Science-Fiction“ entstand, trug und trägt mehr als nur ein bisschen Barbarei mit sich herum, davon handelt Bessons Film, daher nimmt er die in dieser Häufung fürs Popcornkino neue Fülle afrofuturistischer und afrodiasporischer Anspielungen zwischen Kostümierung, Musik (etwa Reggae) und Besetzung. Der große Jazzinnovator Herbie Hancock hat eine Gastrolle, und die allerbesten Minuten im Film gehören Rihanna, einer der wichtigsten und besten schwarzen Popkünstlerinnen derzeit. Dass Bessons spektakuläre Aneignung einer Leidensgeschichte, von der die eigenen weißen, westlich-nördlichen Vorfahren profitiert haben, nicht ohne ästhetische Fallen ist, von denen der Film auch in die eine oder andere tappt, und dass ihre Verarbeitung afrofuturistischer Inspiration diese hin und wieder arg vulgarisiert, dass man also etwa im afrofuturistischen Online-Magazin „Fiyah“ (http://www.fiyahlitmag.com/) einen frischeren, besseren Zugang zu jenem Material bekommt als mit „Valerian“, ist das eine. Dass Besson aber einen sehr achtbaren, in vielem geglückten Versuch gewagt hat, den Traum „Zukunft“ von kolonialistischen Denk- und Wahrnehmungsmustern zu lösen, die ihn historisch entstellen, ist das andere, sehr Nötige und Erfreuliche.

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