https://www.faz.net/-gs6-8gden

Video-Filmkritik : Die Wahrheit kennt nur der Taxifahrer

Bild: X Verleih

W-Lan für die Wüste, Fahrräder für die Welt: Tom Tykwer verfilmt den Roman „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers und schickt Tom Hanks in die Hölle für aussortierte Manager.

          Dass er seinen Fahrer verpasst hat, der bestellt war, um ihn vom Hotel in Dschidda zur gerade aus dem Boden gestampften Wüstenstadt zu bringen, ist für Alan Clay zunächst nur ärgerlich. Er ordert eben ein Taxi, und da er später am Ziel ohnehin niemanden antrifft, mit dem er über die Präsentation der Kommunikationstechnik reden kann, die er den saudischen Scheichs verkaufen will, scheint die Sache beinahe schon behoben. Sein Team, das in dem Zelt auf ihn wartet, in dem die Demonstration stattfinden soll, hat dann eben einen Tag mehr für die Vorbereitung. Und vielleicht gibt es bis dahin ja auch besseres W-Lan.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          All das kann man aber auch anders deuten, vor allem aus der sicheren Distanz des Kinosessels: Clay, der als Manager auf der Kippe steht, nicht mehr der Jüngste ist, eine gescheiterte Ehe hinter sich hat und in finanziellen Nöten steckt, verpasst seinen Fahrer, so wie er inzwischen überall den Anschluss verloren hat. Und wenn er sich schwungvoll auf einen wackligen Stuhl setzt, der unter ihm zusammenbricht, so ist das nicht einfach nur eine Sache des Stuhls.

          Mit höflich kalkulierter Verachtung

          Die Frage ist nur, ob auch Clay die Zeichen sieht und wie er sie deutet. Tom Hanks, der diesen Manager spielt und in praktisch jeder einzelnen Einstellung präsent ist, lässt sich erfreulicherweise nicht in die Karten sehen: Er hält die Fassade aufrecht, so gut und so lange es geht, weil ihm das in Jahrzehnten zur Natur geworden ist, und auch wenn er allein in seinem Hotelzimmer ist, zeigt er sich kaum anders. Allerdings stößt er selbst immer häufiger auf die Spuren, die er in all den Jahren hinterlassen hat, nicht zuletzt als Manager: Einst hatte er die Produktion einer Fahrradmarke aus Kostengründen nach China verlagert und damit die Belegschaft der amerikanischen Fabrik arbeitslos gemacht.

          Dass er zugleich, anders als behauptet, die Marke selbst ruinierte, ist eine Pointe, die ihm nun vorgehalten wird. Und spätestens in der Begegnung mit einem jungen arabischen Manager, der Clays Methoden einst studierte und ihn nun mit höflich kalkulierter Verachtung behandelt, wird deutlich, wie sehr sich der Amerikaner auf verlorenem Posten befindet. Dass es am Ende nichts wird mit dem großen Auftrag, für den Clay hierhergekommen war, ist keine große Überraschung.

          Mit Sicherheit eines Tages überflüssig

          Auch nicht für Clay. Denn so interessant es ist, ihm dabei zuzusehen, wie er sich im Gestrüpp der für ihn undurchschaubaren Geschäftsbeziehungen, die im internationalen Kampf um das Kommunikationsprojekt letztlich die Entscheidung herbeiführen, mehr und mehr verheddert, so nachvollziehbar ist auch sein allmähliches Interesse für das Land, in dem er zu Gast ist, und für die Menschen, mit denen er zu tun hat. Allen voran sind das der Taxifahrer Yousef, der ihn jeden Morgen nach dem zuverlässig verpassten Weckruf in die Wüstenstadt bringt, und die Ärztin Zahra, die er wegen eines plötzlichen - und wiederum zeichenhaften - Geschwürs am Rücken aufsucht.

          Clays Interesse also verlagert sich, und als er gegen Ende doch noch einmal zu großer Verkäuferform aufläuft, um sein System zu präsentieren, das ausgerechnet über Hologramme läuft, dann ist auch das ein Zeichen: Wer in dieser Weise als flimmerndes, digitales Abbild im 3D-Format erscheint, kann sicher sein, dass er eines Tages überflüssig wird.

          Reale Gefahr, wichtigtuerische Show oder beides?

          Diese Dinge sind in der Vorlage, dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers, bereits angelegt, und wie so oft bei diesem Autor ist die Diagnose gesellschaftlicher Zustände weitaus interessanter als die literarische Umsetzung. Das aber ist eine vorzügliche Ausgangslage, wenn es um die Verfilmung geht, die mit ihren Bildern nur gewinnen kann, während am Erzählstil nicht viel verlorengeht. Der Regisseur Tom Tykwer nutzt diese Chance, indem er der Fremde, die Clay umgibt, gern etwas unmerklich Verstörendes verleiht.

          Vieles bleibt da in der Schwebe - wenn etwa Yousef vor der ersten gemeinsamen Fahrt offenbar routiniert sein Auto untersucht, „damit niemand es verdrahtet“, wie er sagt, schließlich müsse er die Rache eines eifersüchtigen Ehemanns fürchten, und man fragt sich mit Clay, ob das eine reale Gefahr ist, eine wichtigtuerische Show für den Fremden oder beides.

          Wie ein einst Mächtiger aus allen Systemen fällt

          Und sind die dringlichen Warnungen, sich bloß nie allein mit Zahra antreffen zu lassen, ernst gemeint oder nicht, wo doch offensichtlich das Alkoholverbot hinter verschlossenen Türen ständig und geradezu lustvoll ignoriert wird? Woran soll man sich halten, wenn man immer wieder von der Sekretärin abgewimmelt wird und sich der Kontaktmann dann einen Stock höher ohne mit der Wimper zu zucken stellen lässt? Ist diese Begegnung ein Zeichen dafür, dass Clay das Spiel, das hier gespielt wird, endlich durchschaut hat, oder ist inzwischen alles egal, weil er hier sowieso nichts erreichen wird?

          In solchen Momenten, wenn er abbildet, wie ein einst Mächtiger aus allen Systemen fällt, die ihm Kraft gegeben haben, ist dieser Film am besten. Seine schwächeren Momente sind die, in denen die Wandlung Clays allzu gefühlig geschildert wird, sein zögerliches Öffnen für die wie vom Himmel geschickte reiche, schöne und alleinstehende Zahra, sein Schlussbild zumal, das hart am Kitsch gebaut ist. Dies allerdings ist mit der Stimme Clays unterlegt, der das, was der Zuschauer sieht, gerade seiner Tochter mitteilt, die in den Vereinigten Staaten geblieben ist. Ob das, was Clay erzählt, wahr ist, bleibt daher ebenfalls in der Schwebe. Auch hierin zeigt sich der Film abgründiger, als es den Anschein hat.

          Weitere Themen

          Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel Video-Seite öffnen

          Architektonische Kunstwerk : Neues Edel-Entree für Berliner Museumsinsel

          Die James-Simon-Galerie ist fertiggestellt und soll im Sommer 2019 eröffnet werden. Das Haus soll zentrales Empfangsgebäude sein und mehrere Museen miteinander verbinden. Die Pläne stammen aus dem Berliner Büro des renommierten britischen Architekten David Chipperfield.

          Topmeldungen

          Jahr beendet, Saison noch nicht: Arjen Robben bei Bayern München.

          Bayern München : Fußball-Jahr für Robben beendet

          Seine Bayern-Karriere endet am Saisonende. Nun geht Robben auch verfrüht in die Winterpause. Trainer Kovac bezeichnet derweil Sportdirektor Salihamidzic und sich als „bad boy und good boy“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.