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Video-Filmkritik : Tom Cruise und ein ziemlich überdrehter Looping

Bild: Paramount Pictures Germany

Goldenes Handwerk ist, wenn ein Star für sein Selbstbild die eigenen Knochen riskiert, statt die des Stuntpersonals zu gefährden: Tom Cruise lehrt in „Mission Impossible – Fallout“ die hohe Moral der Dauerimprovisation.

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          Es gibt ja diese Typen, von denen man überhaupt nicht denkt, dass sie einem gefehlt haben – bis man sie nach langer Zeit wiedertrifft. Ethan Hunt ist ein solcher Typ. Spätestens wenn sich Tom Cruise als Agent für die unmöglichen Missionen wieder gegen die tickende Anzeige eines Zünders anrennend an einen fliegenden Hubschrauber hängt und sich wenig später – nach Verfolgungsjagden, Schusswechseln, Faustkämpfen und diversen Totalschäden für Mensch und Maschine – zwecks Verhinderung einer gigantischen Katastrophe als Freeclimber an eine senkrecht in die Tiefe stürzenden Felswand krallt, als wäre dies erst der zweite „Mission Impossible“-Film und nicht der sechste, stellt sich ein euphorisches Gefühl ewiger Jugend ein.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Warum rennt er nur dauernd im Kreis herum?“, stöhnt in „Mission Impossible – Fallout“ der gute alte Benji (Simon Pegg) im Backoffice beim Blick auf den Monitor, der die per GPS getrackte Hatz seines Chefs quer durch London anzeigt. Dabei kann Hunt doch gar nicht anders: Jede Heldenreise ist ein Zirkelschlag, und wenn Hunt zu Beginn des Films die notorischen Worte: „Ihre Mission, sollten Sie sie annehmen ...“ hört, ist er innerlich auf dem Weg, noch bevor die Botschaft sich Sekunden später in Rauch auflöst.

          Mit selbstzerstörerischen Aufträgen begann es schon, als „Mission Impossible“ noch eine Fernsehserie war (die bei uns „Kobra, übernehmen Sie“ hieß). So ging es weiter, als 1996 Tom Cruise das Franchise im Kino übernahm und in klassischer Vatermörder-Manier dem zum Verbrecher mutierten Jim Phelps alias John Voight die Gummimaske des Guten herunterriss, um ihn als Teamchef zu ersetzen. Und so raucht es auch jetzt wieder. Was also soll dieser stillstehende Sturmlauf?

          Humanismus! Nicht Utilitarismus!

          Was Benji am Monitor nicht sieht: Hunt rennt nicht im Kreis, er jagt eine Wendeltreppe hinauf, was ein schönes Bild dafür abgibt, wie Action-Heldentum in Serie idealerweise vorankommt: immer rotierend, aber sich dabei bitte stets auf die Höhe der Zeit schraubend. „Fallout“ versucht das, indem das von Christopher McQuarrie geschriebene und inszenierte Drehbuch Ethan Hunt mit einer ziemlich gegenwärtigen (aber auch zeitlosen) Form des Bösen konfrontiert: massenmörderischem Welterlösungswahn. Unser Agent bekommt es mit einer transreligiösen Verbrecherorganisation zu tun, die Leid über die Menschheit bringen will, auf dass diese zur Besinnung komme. „Je größer der Schmerz, desto größer der Friede“, lautet ihr Credo. Mittel der Wahl sind Pockenepidemien und Atombombenschläge. Skrupellose Broker wie die märchenhafte „Weiße Witwe“, als die „The Crown“-Star Vanessa Kirby betören darf, helfen dem Netzwerk.

          Er kraxelt wieder: Tom Cruise im neuesten „Mission Impossible – Fallout“

          Hunts Einsatz freilich beginnt mit einem Debakel: Er soll undercover waffenfähiges Plutonium aus dem Verkehr ziehen und scheitert – weil er nicht bereit ist, auf dem Weg zur Weltrettung seinen alten Freund Luther (wie eh und je Ving Rhames) zu opfern. Das, betont der Film am Ende noch einmal überpastoral, unterscheidet den Humanisten von denjenigen, die um der vermeintlichen Menschlichkeit willen über Leichen gehen. Wer anfängt, Einzelschicksale gegen Millionen Leben aufzurechnen, ist schon am Ende. Tom Cruise als Ethan Hunt aber ist es nicht.

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