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Video-Filmkritik : Du hast mein Schweben gerettet

Bild: 20th Century Fox

Manchmal nerven die verjuxten Schrullen des Regisseurs Tim Burton. Sein neuer Kinozirkus „Die Insel der besonderen Kinder“ aber kann fast alles, was er will.

          4 Min.

          Wer einen Sack voll gleichzeitig hoch-, tief- und querbegabter Kinder hüten soll, hat zu tun. Wenn dann auch noch eins dieser Kinder stärker ist als Obelix mal Popeye, ein anderes unsichtbar, ein weiteres ein lebendiger Filmprojektor, und wenn das noch die harmlosesten Gimmicks sind, mit denen die Rangen aufwarten, dann verlangt der Job eine unerschütterliche Mumpitzbändigerin, die zur gelegentlichen Wiederherstellung des Seelenfriedens nicht mehr braucht als einen Zug an der Schnörkelpfeife. Woher nimmt man so eine Person? Zum Glück gibt’s die Ymbrynes - das sind Lehrerinnen, die sich bei Bedarf in Vögel verwandeln und für ihre Schützlinge Zeitschleifen einrichten können, in denen niemand je älter wird und die alltägliche Welt außen vor bleiben muss, die Kindern ihre Besonderheiten normalerweise mit unnachgiebigem Sozialisierungsdruck austreibt. Vogelfrauen, Zeitschleifen, so weit, so Fantasy - in Büchern, wo das eben referierte Zeug zu Hause ist, kann man sich ja ausdenken, was man will. Wenn dergleichen aber verfilmt wird, mag man zwar die Kinder per Computertrick verwandeln, aber wer hält die Bande dann davon ab, in ihre unreifen Einzelheiten (magische Talente, große Augen, ansteckendes Kichern usw.) auseinanderzufallen? Eva Green natürlich.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn diese Frau ist derzeit die Königin der gefilmten Phantastik: In Gerald McMorrows „Franklyn“ (2008) hat sie Ryan Philippe dabei geholfen, Traum und Wirklichkeit durcheinanderzubringen, in Benedek Fliegaufs „Womb“ den Klon ihres toten Geliebten Matt Smith zur Welt gebracht, in David Mackenzies „Perfect Sense“ (2011) nahm sie Ewan McGregor bei der Hand und führte ihn sicher in eine Welt ohne Sinne, und in John Logans Fernseh-Spuktheater „Penny Dreadful“ kann man ihr seit 2014 dabei zuschauen, wie sie selbst mit Fledermäusen im Haar Anmut und Charakterkraft mitteilt. Wo immer sich Erstaunliches begibt, staunt sie nicht, sondern deutet eine komplexe Vielzahl gleichzeitiger innerer Empfänglichkeiten für Wunder an, über die dann das Publikum staunen kann, wie sich’s gehört.

          Aus der Umzingelung seiner Besetzungspolitik befreit

          Tim Burton hat also großes Glück gehabt, dass Eva Green bereit war, in seinem neuen Werk über ein Waisenhaus voll Widernatürlichkeiten die Erzieherin Miss Peregrine zu spielen. Der Routinier des Abwegigen revanchiert sich in „Die Insel der besonderen Kinder“ mit flinkeren Stimmungswechseln, stimmigeren Figuren und stabileren Witzen, als ihm seit Jahren eingefallen sind; selbst die gewohnt hysterisch übersteuerten Effekte parieren diesmal dem Gesamterzeugnis, statt, wozu sie bei Burton leider immer wieder neigen, das Erzählen als hirnloses Termitenheer zu überrennen und aufzufressen. Von den Haifischzähnen in Samuel L. Jacksons Finsterfresse über lebensrettende Luftblasen aus dem Mund der hinreißenden Ella Purnell bis zu Regentropfen am Himmel zwischen Bombern fällt kein Bild aus dem Film, und wenn Burton ein Haus zeigen will, zu dem die Zeit nicht nett war, dann steht es weniger in Trümmern als in Fetzen da.

          Dinge beseelen, Menschen verwandeln, Kulissen anzünden oder überschwemmen – in seinen Hauptfächern war Burton lange sehr gut, dann aber umzingelte ihn seine Besetzungspolitik: Zu oft hat er Leute beschäftigt, die er zu gern mag, als dass sie ihn noch inspirieren könnten oder er sie noch fordern wollte – seinen Lieblingsfaxenmacher Johnny Depp zum Beispiel sollte man ihm gerichtlich verbieten lassen.

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