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Video-Filmkritik: „Kursk“ : Ein Walhall absaufender Männlichkeit

Bild: wildbunch Germany

In manchen Ereignissen zeigt sich die Signatur eines Zeitalters. Thomas Vinterbergs Film „Kursk“ erzählt vom Desaster des russischen Atom-U-Boots. Selten hat ein so düsterer Film so hell gestrahlt.

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          Das Tröstliche am Mythos liege darin, dass die Untat, von der er berichte, schon lange her sei, heißt es in einem alten, ziemlich vergessenen Buch. Im Fall des russischen Atom-U-Boots „Kursk“ aber ist die Untat weder lange her noch vergessen. Am 12. August 2000 sank die „Kursk“, ein mit Marschflugkörpern bestücktes, 154 Meter langes Tauchboot der sogenannten Oscar-II-Klasse, nach mehreren Explosionen in ihrem Bug auf hundertacht Meter Meerestiefe in der Barentssee vor Murmansk. Versuche der russischen Nordmeerflotte, mit Rettungs-U-Booten Kontakt mit der Besatzung aufzunehmen oder eine Ausstiegsluke zu öffnen, blieben erfolglos. Als es norwegischen Tauchern eine Woche später gelang, in das Wrack einzudringen, fanden sie darin nur Tote. Später stellte sich heraus, dass etwa zwei Dutzend Seeleute die Havarie der „Kursk“ um mehrere Stunden überlebt hatten, einige von ihnen bis zu drei Tage. Ihre Abschiedsbriefe wurden im hinteren Teil des zerstörten Rumpfs gefunden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt Ereignisse, die zu schrecklich sind, um als gewöhnliche Unfälle behandelt, und zu bedeutend, um bloß auf der langen Liste technischer Katastrophen verzeichnet zu werden. In ihnen zeigt sich die Signatur eines Zeitalters und zugleich ein ewiges Muster menschlichen Versagens. Der Untergang der „Kursk“ gehört dazu. Die angebotene Hilfe durch Tauchboote westlicher Staaten wurde von der russischen Militärführung tagelang abgelehnt. Die Öffentlichkeit und die Angehörigen der Seeleute erfuhren erst spät und nach vielen Falschmeldungen vom Ausmaß der Tragödie. Noch Monate nach dem Unglück behaupteten die Militärs im Kreml, ein amerikanisches U-Boot habe die „Kursk“ gerammt, obwohl sie bereits wussten, dass ein defekter Übungstorpedo die Explosionen ausgelöst hatte. Die Turmspitze der „Kursk“ wurde nach ihrer Bergung auf einer Müllkippe abgeladen. Heute ist sie Teil eines Ehrenmals vor der Erlöserkirche in Murmansk.

          Die Chancen, aus all dem eine Kinogeschichte zu machen, die auch nur im mindesten tröstlich oder gar erhebend wäre, stehen praktisch bei null. Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg hat es trotzdem versucht. Vinterbergs Film über die „Kursk“ beginnt mit dem Bild eines Jungen, der mit seiner Mutter auf der Straße in einem russischen Flottenstützpunkt unterwegs ist. Der Vater des Jungen ist der Kapitän der „Kursk“, Mikhail Averin, die Mutter ist hochschwanger, und der beste Freund des Vaters, Marineleutnant Sonin, will am Abend heiraten. Weil ihr Lohn seit Monaten ausbleibt, versetzen Averin und die übrigen Offiziere ihre wertvollen Uhren, um Champagner und Kaviar zu besorgen. Es wird getrunken, gesungen, geliebt, und am nächsten Morgen läuft die „Kursk“ aus zu ihrer letzten Fahrt.

          Sichtbar verloren in den Wassermassen

          Inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass in einem in Westeuropa gedrehten Film über Russland keine Russen zu sehen sind. Dennoch staunt man darüber, wie viele Gesichter aus dem erweiterten medialen Bekanntenkreis in den ersten Minuten von „Kursk“ vor der Kamera auftauchen: August Diehl, Matthias Schweighöfer, Martin Brambach, Peter Simonischek – die Besetzungsliste des Films liest sich wie ein Who’s Who der seetüchtigen deutschen Filmbranche. Ihre Dominanz ist freilich nur vorübergehend, denn nach einer halben Stunde sind die meisten von ihnen tot. Nur Simonischek als Flottenadmiral Gruzinsky bleibt übrig, um gemeinsam mit seinem britischen Kollegen Russell (Colin Firth) das Schicksal des gesunkenen U-Boots auszuhandeln, in dem Averin (Matthias Schoenaerts) auf seine Rettung wartet. Die drei Männer aber, obwohl sie ständig im Bild sind, begegnen sich nie. „Kursk“ ist auch ein Film der missglückten Kommunikation, der Einsamkeit unter den Uniformen, und damit eine sehr alte Form des Heldendramas, notdürftig für heutige Bedürfnisse aktualisiert. „Bauen im Bestand“ nennt man das in der Architektur.

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