https://www.faz.net/-gs6-9anh3

Video-Filmkritik „The Poetess“ : Mit Bescheidenheit vertreibt man das Übel

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Schon ihr Auftritt im Poesie-Wettbewerb einer glamourösen Fernsehshow brachte arabische Traditionalisten gegen sie auf: „The Poetess“ bringt Hissa Hilal und ihre politisch-poetische Strategie ins Kino.

          Die saudi-arabische Dichterin Hissa Hilal hat einmal eine schöne Definition von ihrer Berufung gegeben: „Ich sammle Schönheit und Bedeutung in meinen Worten.“ Im Jahr 2010 sorgte sie weltweit für Aufsehen, als sie in Abu Dhabi an einem Poesie-Wettbewerb teilnahm, bei dem sie in jeder Hinsicht eine Außenseiterin war: Schon die Tatsache, dass sie als Frau in diesem Rahmen einer glamourösen Fernsehshow ihre Stimme erhob, erschien vielen Traditionalisten anstößig; und dann nahm sie auch keinerlei Blatt vor den Mund, sondern trug in einer der Finalrunden ein Gedicht über Fatwas vor, das nur als eine Anklage der saudi-arabischen Religionspolitik verstanden werden konnte.

          Bei alldem hielt sie sich strikt an die gesetzlich vorgeschriebene Kleidungsdisziplin ihres Heimatlandes: sie trat vollständig verhüllt auf, selbst zwischen den Augen trug sie ein Stück schwarzen Stoffes.

          „Mit Bescheidenheit vertreibt man das Übel“, sagt Hissa Hilal wie zur Erklärung an einer Stelle des Dokumentarfilms „The Poetess“. Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff konnten für dieses Porträt einer ungewöhnlichen Frau auf reichlich Archivmaterial zurückgreifen, vor allem aber sind sie Hissa Hilal so nahe gekommen, wie dies bei den weiterhin gültigen Anstandsregeln gerade noch möglich – und international zeigbar – ist.

          Die Seele der Gesellschaft

          Seit einer Woche ist „The Poetess“ bereits auf Premierentour, ursprünglich hätte die Protagonistin nach Deutschland kommen sollen. Doch aufgrund der aktuellen Ereignisse in Saudi-Arabien hat Hissa Hilal sich entschlossen, nicht zu reisen: Vergangene Woche wurden fünf Frauenrechtlerinnen und zwei Anwälte unter dem Vorwurf der Spionage verhaftet, in einer überraschenden Abwendung von der scheinbaren Liberalisierungspolitik, die man dem jungen Thronfolger Mohammed bin Salman zuschreibt.

          Die Stimme muss das Gesicht ersetzen: Hissa Hilal liest öffentlich ihre Lyrik, aber die saudische Öffentlichkeit für Frauen ist scharf eingeschränkt.

          Eine der Forderungen der saudi-arabischen Feministinnen spielte auch für Hissa Hilal eine wichtige Rolle: Frauen sollen mehr für sich selbst entscheiden dürfen, bisher geht fast nichts ohne Einverständnis eines (männlichen) Vormunds oder des Ehemanns. So musste Hissa Hilal, als sie sich dazu entschloss, an dem Casting für die Show „Poet der Millionen“ teilzunehmen, erst einmal ihre eigene Familie überzeugen. Bei ihrem Mann gelang dies ohne größere Mühe, er kommt als Journalist selbst aus der schreibenden Zunft, aber die väterliche Familie war skeptisch.

          Eine der Qualitäten des Films „The Poetess“ liegt darin, dass er erstmals ausführlicher den sozialen Hintergrund von Hissa Hilal anschaulich werden lässt: das Leben mit einer Beduinenfamilie, die 1975 die traditionelle Lebensweise aufgeben musste und nach Riad zog. Aus diesen frühen Erfahrungen stammen einige der Überzeugungen, von denen Hissa Hilal sich bis heute leiten lässt: „Frauen sind die Seele der Gesellschaft.“

          Weitere Themen

          „Little Joe“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „Little Joe“

          Auch in Konkurrenz um die Goldene Palme: Das Science-Fiction-Drama „Little Joe“ von Jessica Hausner, der am 17. Mai 2019 im Rahmen der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte.

          Wider den Opferkult

          Kopftuchkonferenz : Wider den Opferkult

          Die umstrittene Frankfurter Kopftuchkonferenz markiert einen Wendepunkt: Sie löst Islamkritik vom Rassismus-Vorwurf und öffnet den Raum für eine freie Debatte.

          „A Hidden Life“ Video-Seite öffnen

          Filmclip : „A Hidden Life“

          Das biografisch gefärbte Filmdrama „A Hidden Life“ von Terrence Malick feierte auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 2019 seine Premiere und konkurriert dort um die Goldene Palme.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Ende : Pech für die Wirtschaft

          Das Aus der schwarz-blauen Regierung ist folgerichtig. Doch wirtschaftlich hat das Bündnis mehr hinbekommen als die Vorgängerregierung. Hoffentlich fällt das Land nicht zurück in Stillstand.
          Die 45. Internationale Waffen-Sammlerbörse im März in Luzern

          Mit rund 64 Prozent : Schweizer stimmen für schärferes Waffenrecht

          Die Eidgenossen haben sich den Verbleib im Schengen-Raum gesichert: Eine Mehrheit sprach sich für die Übernahme der verschärften Waffenrichtlinie der EU aus. Bei einer Ablehnung wäre die Mitgliedschaft automatisch nach sechs Monaten erloschen.
          Werner Bahlsen

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Wie weiter mit dem Brexit? : Das britische System liegt in Trümmern

          Womöglich kann das britische Parlament einen „No Deal“ nach der Europawahl nicht mehr verhindern. Dann müsste die EU sich auch an die eigene Nase fassen – sie hat zur Polarisierung der Politik im Vereinigten Königreich beigetragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.