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Video-Filmkritik : Alles ist anders

Bild: Alamode

Wer einen Film des Griechen Giorgos Lanthimos anschaut, sieht dem Kino bei der Arbeit zu. Bei der Arbeit an sich selbst.

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          Wer einen Film des Griechen Giorgos Lanthimos anschaut, sieht dem Kino bei der Arbeit zu. Bei der Arbeit an sich selbst. Es ist, als würde man eine Werkstatt betreten: Da ist ein Bild, dann ein zweites und drittes, aber sie passen nicht zusammen, erst eine weitere Einstellung stellt die Verbindung zwischen ihnen her; es gibt Dialoge, doch sie stammen offenbar aus einem anderen Film und müssen erst angepasst werden; eine Geschichte beginnt, aber ihre losen Teile reiben aneinander und erzeugen Hitze und Kälte gleichzeitig, bis die Spannung zwischen den Extremen die Handlung zerreißt. Manchmal, wie in „Dogtooth“, dem Film, mit dem Lanthimos bekannt wurde, trennen sich sogar die Wörter von den Dingen, ein Salzstreuer heißt plötzlich „Telefon“, ein Sessel „das Meer“. Doch solange die Werkstatt in Gang bleibt, solange die Hämmer des Kinos schlagen, möchte man Lanthimos alles glauben, selbst auf die Gefahr hin, am Ende mit leeren Händen dazustehen – einem aufgeschnittenen Auge, einem ausgeschlagenen Zahn und einem Kindesmord, der vielleicht keiner war.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Lanthimos’ neuer Film „The Killing of a Sacred Deer“ beginnt mit dem Bild eines schlagenden Herzens. Die Brusthöhle, in der es liegt, wird gerade zugenäht, die Operation ist geglückt. Dann unterhalten sich zwei Ärzte auf dem Krankenhausflur über wasserdichte Uhren, und einer (Colin Farrell) steigt in sein Auto und trifft sich mit einem älteren Jungen (Barry Keoghan) in einem Café. Martin ist nicht Stevens Sohn, dazu sind sich die beiden zu fremd; aber wer ist er dann? Zu Hause, beim Abendessen mit seiner Musterfamilie in seiner Mustervilla am Rand der großen Stadt, spricht der Herzchirurg mit verkrampfter Beiläufigkeit über sein Treffen mit dem Jungen. Man beschließt, Martin ins Haus einzuladen. Dann sind wir im ehelichen Schlafzimmer, Stevens Frau Anna (Nicole Kidman) schlüpft aus ihrem Nachthemd, aber sie legt sich nicht neben ihn, sondern ans andere Ende des Bettes, breitet Arme und Beine aus wie eine Patientin auf dem Operationstisch und fragt: „Allgemeinanästhesie?“ – „Allgemeinanästhesie“, antwortet er.

          Es gibt eben doch einen Gott

          Wie passt das alles zusammen? Irgendwann erfahren wir, dass Martin der Sohn eines Patienten ist, den der Chirurg, bevor er mit dem Trinken aufhörte, in alkoholisiertem Zustand operiert hat, so dass er starb. Und noch viel später heißt es, Stevens Tochter habe eine Klassenarbeit über den Mythos von Iphigenie geschrieben, die griechische Königstochter, die von ihrem Vater Agamemnon in Aulis geopfert wurde, damit die Flotte der Achäer nach Troja segeln konnte. So lässt sich immerhin der Titel des Films erklären: Agamemnon hatte sich den Zorn der Göttin Artemis zugezogen, weil er in ihrem heiligen Hain einen Hirsch getötet hatte. Aber natürlich ist in „The Killing of a Sacred Deer“ ebenso wenig ein Stück Rotwild zu sehen, wie in Lanthimos’ letztem Film „Lobster“ ein Hummer über die Leinwand kroch. Der Mythos, das Schicksal, das Verhängnis: Sie liegen in der Luft, sie ballen sich außerhalb des Bildes, bis sie plötzlich verheerend und grausam auf die Lebenden herabzucken.

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