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Video-Filmkritik : Alles ist anders

Zunächst sieht das, was zwischen Martin und Stevens Familie passiert, wie eine normale Kontaktaufnahme aus. Der Junge kommt zum Essen, flirtet mit der Tochter, zeigt dem Sohn seine Achselhaare. Dass es um etwas anderes geht, erweist sich, als der Chirurg zum Gegenbesuch geladen wird. Mit Martins Mutter (Alicia Silverstone) schaut er sich „Groundhog Day“ im Fernsehen an, den Film, in dem Bill Murray immer denselben Wintertag von vorn erlebt. Dann versucht sie ihn auf plumpe Art zu verführen. Steven flüchtet, und Martin gibt ihm bald darauf zu verstehen, dass das ein Fehler war. Am nächsten Morgen ist der Sohn des Chirurgen von der Hüfte abwärts gelähmt. Er kommt ins Krankenhaus, wird untersucht und entlassen, als er wieder gehen kann, aber auf der Rolltreppe nach draußen bricht er abermals zusammen. Die Kamera schaut von hoch oben zu, wie das Kind auf die Stufen fällt, mit gnadenloser Geduld. Es gibt eben doch einen Gott in „The Killing“, und sein Blick gehört der Regie.

Zu den Spielregeln im Horrorfilm gehört, dass die Opfer erst allmählich erkennen, wer ihnen ans Leben will, und dass der Täter übernatürliche oder wenigstens außergewöhnliche Kräfte hat. Von beidem kann hier keine Rede sein. Alle Handelnden sind von Anfang an im Bild. Und die Gewalt, die sich ereignet, hat keine sichtbare Ursache, sie kommt aus dem Nichts. Alles, was wir erfahren, ist, dass das Unheil immer weiter voranschreiten wird, solange der Chirurg keine Sühne für den Tod seines Patienten geleistet hat.

Aus der mythischen Untat wird ein ärztlicher Kunstfehler

Er wisse schon, was er zu tun habe, sagt Martin zu Steven, und tatsächlich weiß dieser, wie sich am Ende zeigt, ganz genau, was von ihm verlangt wird. So gesehen, ist „The Killing of a Sacred Deer“ eine aktualisierte Lesart des Atridenfluchs, bei dem auch niemand je eine Wahl hatte. Im griechischen Mythos begann alles damit, dass Tantalos den Göttern seinen eigenen Sohn zum Mahl vorsetzte, um ihre Allwissenheit auf die Probe zu stellen. Von da an war seine Sippe dazu verurteilt, in jeder Generation ihr eigenes Blut zu vergießen. In der modernen Variante ist aus der mythischen Untat ein ärztlicher Kunstfehler geworden, aber die Mechanik des Unheils ist die gleiche. Nur dass an die Stelle der zornigen Götter das kalte Auge der Kamera tritt.

Manchmal hat man bei Lanthimos das Gefühl, dass es schon genügt, hinzuschauen, damit etwas Schreckliches passiert. Die perspektivischen Tricks des Kameramanns Thimios Bakatakis verstärken dieses Unbehagen. Die Flure im Krankenhaus öffnen sich bei ihm wie klaffende Wunden. Die dämmrigen Räume im Haus des Chirurgen wirken wie Grabkammern. Die Außenwelt der anonymen amerikanischen Großstadt, in der der Film gedreht wurde (es ist Cincinnati), scheint wie unter einem Pesthauch erstarrt. Nicole Kidman, die in ihren besten Rollen immer etwas Geisterhaftes hat, spielt virtuos mit dieser Atmosphäre des Unwirklichen. Jederzeit, meint man, könnten auch ihr die Beine wegsacken. Aber dann legt sie sich wie eine Puppe aufs Ehebett, als wäre nichts passiert, und schließt die Augen. Also wieder Vollnarkose? Genau.

Man wird diese Filme nicht los. Man kann sie nicht vergessen, egal, ob sie, wie „Lobster“, vom Terror organisierter Partnerwahl oder, wie „The Killing of a Sacred Deer“, von Schuld und Blutrache im säkularen Paradies handeln. Sie bringen Chaos in die Ordnung der Bilder, sie stören den Familienfrieden des Kinos, und vielleicht liegt darin ihre wichtigste Qualität: dass sie die filmischen Erzählformeln, an die wir uns gewöhnt haben, als Beschwichtigungsformeln entlarven. Morgens Frühstück, nachmittags „Star Wars“, abends Vollnarkose, das geht eine ganze Weile gut. Bis das Verhängnis zuschlägt. Lanthimos zeigt uns, wie.

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Trailer : „Herbstsonate“

„Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

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