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Filmkritik „The Hate U Give“ : Wenn ihr dem System schon nicht vertraut

Bild: Twentieth Century Fox

Ein Freund wird bei einer Verkehrskontrolle erschossen, Starr war dabei und will nicht schweigen: George Tillmans Film nach dem Jugendbuch-Bestseller „The Hate U Give“ von Angie Thomas im Kino.

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          Die Stretchlimousine, mit der Chris seine Freundin nach dem verunglückten Schulball wieder heimbringt, ist länger als das Haus breit ist. An der Tür will Starrs Vater ihm eine Münze zustecken, und Chris muss aufklären, dass er nicht der mitgemietete Chauffeur ist, sondern der Freund: Es gibt Szenen in George Tillmans Film „The Hate U Give“, in denen die Geschichte vom Balanceakt einer schwarzen Sechzehnjährigen zwischen ihrem Zuhause in der Hood von Garden Heights und ihrer hauptsächlich von Weißen besuchten privaten Highschool die schönsten Schleifen schlägt. Dabei ist sie nur ein Nebenstrang des Films, wie sie nur eine Nebensache ist im Jugendbuch-Bestseller von Angie Thomas, der jetzt mit Amandla Stenberg in der Hauptrolle in die Kinos kommt.

          Starr muss mit ansehen, wie Khalil, ihr Freund aus Kindertagen, bei einer nächtlichen Fahrzeugkontrolle von einem weißen Polizisten erschossen wird. Und „The Hate U Give“ ist die Geschichte ihrer Entscheidung, nicht nur vor Gericht auszusagen, dass der junge Beamte mit der Dienstnummer 115 auf einen Unbewaffneten geschossen hat, sondern auch in einem anonymisierten Fernsehinterview die ganze Wahrheit zu erzählen. Auch weil sich die Öffentlichkeit mehr dafür zu interessieren scheint, ob Khalil gedealt hat, als für die Umstände seines Todes. Auch wenn Starr nicht nur von Khalils drogensüchtiger Mutter berichtet, sondern zusätzlich von deren Problemen mit dem Drogenboss des Viertels, aus denen der Junge ihr nicht anders herauszuhelfen wusste als mit Gefälligkeiten für dessen King Lords. Jetzt hat auch Starr ein Problem mit diesem King. Er hatte sie gewarnt.

          Er hatte auch Starrs Vater gewarnt, der sich vor vielen Jahren aus der Bande hatte lösen können, indem er für seinen Boss ins Gefängnis ging. Der Preis: seine Kinder lange Jahre nicht aufwachsen zu sehen. Der Lohn: danach in Ruhe gelassen zu werden mit seinem Lebensmittelladen und mit seiner Entscheidung, zwar im Viertel zu bleiben, dort, wohin er mit seiner Familie gehört, aber doch seine Kinder nicht auf die Highschool von Garden Heights zu schicken, wohin man, wie Starr lakonisch zusammenfasst, nur geht, um schwanger oder fertiggemacht zu werden. Russell Hornsby spielt diesen Big Mav mit der Präsenz, die einem Bandenchef standhält, als der ihn aus dem Diner ruft, um mit ihm etwas zu klären – und mit der nötigen Überfordertheit, als er nicht nur erfahren muss, dass seine Tochter einen Freund hat, noch dazu einen Weißen, sondern dass er selbst der einzige ist, der davon noch nichts weiß.

          Er sagte noch, sie hätten Zeit

          In der ersten Szene des Films hält Big Mav seinen Kindern den Vortrag, der unter Schwarzen so verbreitet ist wie in allen Familien der mit den Bienen und den Blumen: wie sie sich in einer Polizeikontrolle zu verhalten haben, um sich nicht in Gefahr zu bringen.

          Seine Stimme ist ruhig, seine Worte sind klar, und nur an einer Stelle merkt man an einem leichten Zucken, was es ihn kostet, von diesem strukturellen Rassismus zu sprechen, von der Gefahr, der er und die Seinen noch in unserer Zeit allein wegen ihrer Hautfarbe ausgesetzt sind. Um mit ihnen gleich anschließend die zehn Forderungen der Black Panther durchzugehen. Als siebten Punkt forderten die schwarzen Aktivisten im Jahr 1966 ein Ende der willkürlichen Polizeigewalt. Mehr als fünfzig Jahre später muss auch diese Forderung immer noch als unerfüllt gelten.

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