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„The Dead Don’t Die“ im Kino : Rat mal, wer zum Fressen kommt?

Jarmusch macht sich hier zum ersten Mal ernsthaft Sorgen. Setzte er der Entseelung seines Landes – auch dieses Mal routiniert dargestellt durch vorbeiziehende Straßenzüge wie Stillleben, ohne einen einzigen Menschen – meist stur-optimistische Sisyphos-Don-Quijote-Figuren entgegen, brechen nun alle unter dem Druck der Ereignisse zusammen.

Die, die fliehen können, fliehen. Ronnies ewigem „Das wird nicht gut enden“, weiß Cliff irgendwann nur noch ein wiederholtes „halt verdammt noch mal die Fresse“ entgegenzuschleudern. Das „Besser“ aus „früher war alles besser“ darf in „The Dead don’t die“ somit zeigen, wie aktuell es in diesen Tagen ist: gar nicht.

Jarmusch zeigt zum ersten Mal, wie blutleer Zombies sind

Die Idee, Zombies, Konsumgesellschaft und ökologische Krise miteinander kurzzuschließen, ist schon länger nicht totzukriegen. Die Frage „What makes zombie-sammy run“ wird hier jedoch nicht mit „Braaaain“, sondern sehr deutlich mit „Candy“ (Kinder-Zombies), „WiFi“ (jugendliche Zombies), „Fashion“ (nicht mehr ganz so, aber doch noch jugendliche Zombies), „Chardonnay“ (ältere Zombies) und „Kaffee“ (Iggy Pop) beantwortet.

Tilda Swinton in Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“
Tilda Swinton in Jim Jarmuschs „The Dead Don’t Die“ : Bild: Frederick Elmes / Focus Features / Image Eleven Productions

Dafür zeigt uns Jarmusch zum ersten Mal, wie blutleer (und eben innerlich dann doch sehr tot) die Sklaven des Konsums wirklich sind: Ist das Kopf gewordene Verfallsdatum erst einmal erfolgreich vom Körper getrennt, rinnt schwarze Asche aus dem Schädel. George A. Romero – selbstredend in Bild, Wort und Auto mehrfach zitiert – würde sich im Grab umdrehen. Bei ihm wirkten die Zombies oft lebendiger als die Lebenden.

Für Menschen, die von Haus aus keine Zombie-Filme mögen, aber doch ganz gerne mal einen sehen möchten, ist „The Dead Don’t Die“ der richtige Film – sein Äquivalent ist ein mundgerechter Hamburger, der nicht kleckert und mit Halloumi belegt ist. Zumindest, wenn man von der letzten Viertelstunde absieht. Nicht etwa, weil es da so grausig zuginge (der Showdown ist brutal, auch weil die Menschheit hier ob der Übermacht an Hirnlosen aufgibt, ohne aber die Waffen zu strecken), sondern weil Jarmusch Angst hat, man könne als Zuschauer glauben, er zeige tatsächlich nur eine schrullige Gruselgeschichte.

Wenn die Zombieschlacht mit Bildern von Menschen und ihren liebevollen Beziehungen zu den neuen, glänzenden Göttern gegengeschnitten wird, dann möchte man (gesetzt den Fall, man hat nicht schon wieder ein Meta-Hintertürchen übersehen) aufstöhnen und sagen: Nun haben wir es aber wirklich verstanden, Jim. Was sollen wir tun? Mehr Schrotflinten kaufen?

Denn dass der Film und sein Geschehen auch das Publikum etwas angeht, macht Jarmusch bereits vorher klar, wenn das Polizisten-Duo wiederholt die vierte Wand durchbricht und sich über das Skript und den titelgebenden Song von Sturgill Simpson auslässt. Stark ist der Film in seinen sehr ergötzlichen Untertreibungen: „Die Welt ist in letzter Zeit etwas seltsam geworden.“ Was den als Fingerzeig verkleideten Holzpfahl angeht, der am Ende heransaust: Vielleicht ist die bequeme Zeit der Ironie und der Uneindeutigkeit in einem Zeitalter der Überforderung durch Kommunikation und deren Echtzeitbewertung nun zu Ende. Vielleicht muss, wer etwas zum Guten bewegen will, wieder klar Position beziehen. Mit einem Wort sagen, was er will. Wie ein Zombie. Solange die Welt dadurch besser wird, herzlich gern – die Kunst wird es nicht.

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