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Video-Filmkritik : Die alten Orte suchen uns heim

  • -Aktualisiert am

Bild: Paramount Pictures

Klassiker sind Werke, die man ab und zu neu deutet – zum Beispiel verfilmt: Stephen Kings Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ kehrt ins Kino zurück.

          Eine Kleinfamilie im Volvo. Im sichersten Auto der Welt. Die Sonne scheint, die Blätter rauschen, Landlust liegt in der klimatisierten Luft. Mehr Zeit für die Kinder wollen sich die Eltern nehmen, deswegen ziehen sie raus aus der Stadt, rein in die abgeschiedene Idylle. Der Chefarzt-Vater hat ein Haus am Rande eines großen Walds gekauft. Ein Waldhaus also, von überallher umrahmt und begrenzt, geschützter kann man nicht wohnen. Jedenfalls so lange, bis die Bäume sich zu nähern beginnen oder der bärtige Nachbar mit der Kettensäge in der Tür steht.

          Nichts von beidem geschieht in „Friedhof der Kuscheltiere“, der neusten Verfilmung des Horrorklassikers von Stephen King – nur die Katze „Church“, benannt nicht nach der Kirche, sondern nach Churchill, wird auf dem angrenzenden Highway überfahren und liegt an Halloween mit gebrochenem Rückgrat im Graben. Wenn im alten Ägypten eine Katze starb, so berichtet Herodot, rasierten sich die Hausbewohner zum Zeichen ihrer Trauer die Augenbrauen ab und sangen tagelang Klagelieder. Wer am Tod einer Katze schuld war, wurde hingerichtet. Bestattungsfeierlichkeiten für die toten Tiere gehörten zu den wichtigsten Festtagen damals, in aufwendigen Prozessionen wurden die mumifizierten Katzen zu Grabe getragen.

          Die Rache an einem zu selbstsicheren Subjekt

          Eine Art Prozession beobachtet bei ihrem ersten Erkundungszug durch den Wald auch Tochter Ellie. Hinter Tiermasken verborgen, ziehen ein paar Kinder mit Spaten und Blechtrommeln bewaffnet in ritualisierter Manier zu einem provisorischen Haustier-Friedhof. „Was ist eine Prozession?“, fragt Ellie, und ihre Mutter erklärt ausweichend: „Das ist so etwas wie eine Parade, nur nicht so lustig.“ Nein, das ist keine Parade. Und nein, „Church“ ist auch nicht einfach fortgelaufen, wie die ums Seelenheil ihrer Tochter bedachte Mutter erzählt, sondern schwerverletzt gestorben.

          Louis, der aufgeklärte Chefarzt, war dafür, der Kleinen die Wahrheit zu sagen. Sie darauf vorzubereiten, dass das ein Abschied für immer sei, sie dem Tod in die Augen schauen zu lassen, ohne zu zwinkern. Aber seine vom tödlichen Unfall ihrer verkrüppelten Schwester noch immer traumatisierte Frau hatte sich davor gefürchtet, hatte gezittert und ihn gefragt, ob er wirklich glaube, „dass danach gar nichts mehr kommt“. Und er hatte kurz geschwiegen, ein paarmal ein- und ausgeatmet und dann schlicht gesagt: „Ja, das glaube ich.“

          Und so beginnt der Schrecken. Mit dem Sündenfall, dass einer sich leichtfertig anmaßt, ein Leben nach dem Tod kategorisch auszuschließen. Brutal und gnadenlos wird Louis’ Rationalität in Stephen Kings 1983 erschienenem Horrorroman erschüttert. Das ganze blutige Grauen, das auf seinen säkularen Glaubenssatz folgt, ist die Rache an einem zu selbstsicheren Subjekt.

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