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Video-Filmkritik : Das Herz glaubt unsichtbar ans Höhere

  • -Aktualisiert am

Bild: Concorde Filmverleih

Martin Scorsese hat mit „Silence“ ein Filmprojekt realisiert, das ihn seit Jahren umtreibt: Zwei katholische Priester suchen im historischen Japan einen verlorenen dritten.

          Zum Glauben der Christen gehört das Blutzeugnis. Schließlich war Jesus selbst der Erste, der für das Gottesreich starb. Und auch wenn dieses Sterben schnell in der Taufe eine symbolische Form des Nachvollziehens bekam, so wäre die aufstrebende Weltreligion vielleicht niemals eine geworden ohne den Mut früher Märtyrer - oder ohne die Legenden, die man sich von ihnen erzählte. In der Zeit, in der Martin Scorseses „Silence“ das Thema aufgreift, war die römisch-katholische Kirche eine Weltmacht, allerdings gab es auch im 17. Jahrhundert noch Orte, an denen die Christen sich fühlen mussten wie im römischen Imperium unter Nero oder Domitian. In Japan standen auf die Nachfolge Christi grausame Strafen. Die lokalen Untergrundgemeinden standen vor dem Dilemma, entweder ihrem Glauben abzuschwören, oder aber eine besonders grausame Folter zu erleiden - mit dem Kopf nach unten über einer Grube aufgehängt, mit einer Wunde am Hals, aus der langsam das Blut rann.

          Verlangt der christliche Gott tatsächlich solche Opfer? Das ist die Frage, über die Martin Scorsese in „Silence“ erzählend meditiert. Er geht dabei von einem Roman des japanischen Katholiken Endo Shusaku aus, der 1966 erschien und nun pünktlich zum Filmstart auch wieder in einer deutschen Ausgabe zugänglich ist.

          Der frevlerische Akt schafft keine Klarheit

          „Schweigen“ ist die Geschichte zweier junger Jesuiten, die im Jahr 1636 nach Japan reisen, weil sie nach einem Mitbruder suchen. Von diesem Pater Ferreira gibt es nur Gerüchte. Er soll tot sein oder vom Glauben abgefallen. Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver) wollen das nicht akzeptieren, bevor sie nicht mit eigenen Augen gesehen haben, wie es um Ferreira steht. Dazu müssen sie ihn aber erst einmal finden. Die Suche erweist sich als schwierig, das beginnt schon bei der Landung an einem entlegenen Küstenstreifen. Die Christen leben hier mehr oder weniger im Dschungel, sie ducken sich zwischen das dichte Grün, wenn wieder einmal ein Trupp des großen Verfolgers Inoue durch die Gegend streift.

          Wie es die Ironie haben will, erinnert der Titel dieses Inoue in „Silence“ an eine andere Christenverfolgung: Inoue wird als „Inquisitor“ bezeichnet, und damit taucht ein Motiv auf, das Scorsese wohl besonders interessiert hat. Die Inquisition in Europa stellte ja einen grausamen und vergeblichen Versuch dar, die radikale Innerlichkeit des Glaubensakts (oder des Unglaubens) an die Oberfläche zu bringen - und in einer Entsprechung, die man sich nicht anders als beabsichtigt denken kann, zwingen die japanischen Behörden die Christen glaubensterroristisch zu Zeichenhandlungen, die ihnen nur zuwider sein können, etwa zum Herumtrampeln auf Marien- oder Christusbildern. Rodrigues und Garupe, beide schon vom Phänotyp her jesuanisch, sehen sich ganz buchstäblich immer wieder in einer „imitatio christi“ - im Spiegel des Wassers etwa erblicken sie nicht ihr Ebenbild, sondern den Heiland. Allerdings zerfließt dieses Bild dann auch wieder, und weicht dem Zweifel an der eigenen Glaubenskraft. Scorsese schafft es, die Dilemmata schließlich in einen grandiosen Moment aufzulösen, wenn er Rodrigues auf einer Bildtafel mehr oder weniger ausrutschen lässt - der frevlerische Akt schafft keine Klarheit, sondern im Gegenteil die Allegorie eines Menschen, der zwischen Heil und Unheil für alle Zeiten hin und her taumelt, der niemals festen Boden unter den Füßen haben wird.

          Eine Position heiliger Einfalt

          Unglücklicherweise ist diese zutiefst anthropologische „Figur“ eingebettet in einen Film, der zugleich historisch konkret sein will. Und zwar so, wie Scorsese das versteht, nämlich als eine Mischung aus Historienmalerei und Passionsmystik. Schon in seinem Tibetfilm „Kundun“ musste man 1997 den Eindruck haben, dass er den (im weitesten Sinn) Orient vor allem durch die Perspektive einer Hollywood-Epoche sah, in der die kulturellen Machtverhältnisse noch eindeutig waren und in der die Welt sich den schönen alten Tricktechniken fügte, mit denen man damals die Horizonte entwarf; wie „Silence“ war „Kundun“ in einem entschieden altmodischen Bildidiom gedreht, was wohl auch für Scorseses nächstes Projekt gilt, „The Irishman“, dessen Vertrieb, wie jetzt gemeldet wird, Paramount abgelehnt hat, weswegen er Netflix zufallen wird.

          Bereits Scorseses Jesusfilm „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) war ein Versuch, die Transzendenz aus einem Fleisch herauszuwinden, das erst in Technicolor so richtig den alten Adam sehen ließ. Scorsese stellt sich in religiösen Dingen auf eine Position heiliger Einfalt, weil er an ein Kino glaubt, das für ihn eine große „analogia entis“ ist - eine Widerspiegelung des heilsgeschichtlichen Dramas in den Schmerzen der irdischen Kreatur.

          Wer ist in diesem Film der Inquisitor?

          In Japan stößt er allerdings auf eine alte Hochkultur, die in „Silence“ nicht anders als primitiv erscheint. Das kulturelle Gefälle wird auch dadurch nicht überwunden, dass der Inquisitor Inoue zunehmend die Züge eines philosophierenden, noblen Gegners bekommt. Während die Japaner vor allem fremd erscheinen, sprechen die Portugiesen Rodrigues und Garupe das Englisch der Weltmacht des 20. Jahrhunderts, sie sind junge Stars mit Hipster-Referenzen. In jeder Sekunde von „Silence“ hat man das Gefühl, eher einem seltsamen, anachronistischen Spektakel zuzusehen, einem unfairen Vergleich, als einem ernsthaften Versuch, der Spannung zwischen zwei Überlebenssstrategien auf die Spur zu kommen. Denn das war die japanische Christenverfolgung: ein akuter Anfall von früher Globalisierungspanik.

          Scorsese ist das bis zu einem gewissen Grad sicher bewusst, aber er bekommt es nicht anders in den Blick als über eine eher pflichtschuldig wirkende Form von ritueller Respektsbezeugung: Die Jesuiten wechseln die Seite, und damit stellt sich erneut die Frage nach Innerlichkeit und Äußerlichkeit oder, theologisch gesprochen, nach der Gnade in der Todsünde. „Silence“ wird im Abspann als ein Film „zur höheren Ehre Gottes“ ausgewiesen, und es soll auch der göttlichen Autorität anheimgestellt bleiben, wo das Schweigen Gottes beginnt und wo der Glaubensabfall aufhört. Mit dem allerletzten Bild, einer Pointe im Feuerofen, zeigt Martin Scorsese allerdings, wer in diesem Film der Inquisitor ist: er selbst, der zwar nicht in die Seelen, wohl aber in die verkrampften Hände der Märtyrer schauen kann.

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