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Video-Filmkritik: „Sicario 2“ : Im Grenzgebiet außer sich sein

Bild: StudioCanal

„Sicario“ von Denis Villeneuve war der Ausnahmethriller von 2015. Jetzt kommt „Sicario 2“ von Stefano Sollima ins Kino. Ein Autor setzt den Film eines anderen fort. Ist das eine gute Idee?

          Eine Gruppe stolpernder Menschen im Grenzgebiet zwischen Mexiko und Texas, Kinder darunter, Frauen, Alte. Verwirrung, Angst, Erschöpfung liegen über der Szene. Aus Helikoptern suchen Scheinwerfer das Gelände ab. Die Hubschrauber landen, schwerbewaffnete Polizisten lassen sich in den Sand fallen, springen auf, nehmen die MGs in Anschlag.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das war die Szene, die im vergangenen Jahr Alejandro Gonzáles Iñárritu unter dem Titel „Carne Y Arena“ als VR inszenierte und damit den unheimlichen Effekt produzierte, der Zuschauer, der mit VR-Brille vor den Augen und dem Gerät auf dem Rücken barfuß im Sand in einem großen Raum stand oder herumging, könne im Virtuellen körperlich erfahren, was täglich an dieser Grenze geschieht. Das war eine große Täuschung, die jeder, der die Installation betrat, durchschauen musste, was aber nur im Ausnahmefall Kritik hervorrief. Sich fühlen wie ein Flüchtender – eine riesige Geschmacklosigkeit war das, für die der Künstler schließlich einen Spezial-Oscar gewann.

          Was passiert, wenn nahezu dieselbe Szene, ergänzt um einen Mann, der sich dem Licht der Scheinwerfer zu entziehen versucht, fürs Kino inszeniert wird? Mit Wucht, aber auch mit dem Abstand, den man als Zuschauer zur Leinwand hat? „Sicario 2“ von Stefano Sollima beginnt so. Auch er arbeitet mit der immersiven Täuschung, und er weiß genau, wie die Distanz zwischen Film und Publikum durch Lärm, Düsternis und Kamerabewegung zu überbrücken ist. Und doch behauptet im Kino niemand, wir wären an dem Ort des Geschehens, wo wir uns um uns selbst kümmern müssten. Stattdessen kann der Zuschauer tatsächlich darauf reagieren, was er sieht: mit Gefühlen von Abscheu, Erschrecken und Entsetzen, so echt, wie sie es unter diesen Umständen sein können, befeuert von der Musik von Hildur Guðnadóttir, die sich zur beeindruckenden Klangkulisse auftürmt, dem Lärm der Rotoren, den martialischen Rufen der Polizisten, aber immer im Bewusstsein, dass es sich um Fiktion handelt, in der erfundene Figuren fliehen, mit denen wir in echtem Gefühl bangen, für die wir fürchten. Und so ist der Beginn von „Sicario 2“ auch ein Korrektiv für Gonzáles Iñárritus gefeiertes Werk.

          Einer immerhin ist geblieben

          Das ist vielleicht schon das Beste, was sich von diesem Film sagen lässt, der auf teilweise groteske Weise gewalttätig ist und erst gegen Ende hin einen Dreh nimmt, der den Zynismus des Unternehmens, einen Krieg dadurch zu gewinnen, dass zwei verfeindete Parteien aufeinandergehetzt werden, damit ein lachender Dritter am Ende den Sieg davonträgt, ein wenig eindämmt. Über lange Strecken aber schaut der Film mit seinen moralisch weitgehend schmerzfreien Figuren interesselos auf die Welt, in der sie „Chaos stiften“ sollen. In Denis Villeneuves „Sicario“ gab es noch eine entfernte Ahnung davon, dass rechtsstaatliche Institutionen möglicherweise nicht nur fürs Chaosstiften da seien. Im zweiten Teil, der im ersten keineswegs angelegt war, kommt niemand auf diese Idee.

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