https://www.faz.net/-gs6-a44sq

„Milla meets Moses“ im Kino : Konzentrier dich auf den Himmel

Bild: X-Verleih

Tödliche Krankheit, Drogensucht und Obdachlosigkeit – kann man daraus eine Liebeskomödie machen? Ja, sogar eine großartige, frei von Kitsch, wie der Film „Milla meets Moses“ beweist.

          4 Min.

          Milla hat aggressiven Krebs im Endstadium; nichts wird sie retten. Die junge Eliza Scanlen spielt diese schwere Rolle als Trudelflug einer in Fieberfarben schillernden Libelle, bedrängt von Stürmen der Selbstpreisgabe aller Figuren ihrer Umgebung. Toby Wallace verkörpert als ihr Widerspiel mit dem verletzlichen Trotz eines tapsigen Welpen den drogenabhängigen Obdachlosen und Kleinkriminellen Moses, den Milla liebt. Die beiden sind zusammen eine komplette Katastrophe, die so lange reift und wuchert, bis Millas Schicksal vom Taumel in den Sturz kippt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Da wendet sich der Gang der Dinge zum Schlimmsten und zugleich merkwürdig Guten, als eine Art irdischer Erlösung in der herben Tonart „tough love“ – eine Motivkonstellation wird sichtbar, die im Verborgenen die Beziehung der beiden vergiftet und endlich ans Licht muss, weil für Lügen keine Zeit mehr bleibt: Moses stiehlt Milla Medikamente, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern, und als sie das merkt, fordert sie ihn heraus: „Hängst du deshalb mit mir rum?“ Vor pharmazeutisch induzierter Übelkeit kann sie da kaum noch stehen und ihm nur so eben noch in die Augen gucken. „Ja“, sagt er, hilfloser als sie. „Ist das der einzige Grund?“, will sie wissen. Er verneint wortlos, mit schwacher Kopfbewegung, und läuft davon. Man weiß, er wird wiederkommen. Hier also fangen die zwei an, füreinander und voneinander zu lernen; mehr kann man von Menschen nicht wollen, so geht Liebe.

          Neuartige Verlegenheitsmännlichkeit

          „Milla meets Moses“ von Shannon Murphy ist ein sehr lustiger Film, der atemberaubend unbefangen das Traurigste sagen kann – offen, klar, zart, ohne Bitterkitsch. Millas Vater zum Beispiel hat ja leider recht: Moses ist nicht gut für das Mädchen, außerdem zu alt (nämlich eigentlich erwachsen, jedenfalls älter als zwanzig, während Milla noch einen Milchzahn hat, „eine Anomalie“ wie fast alles hier). Und Millas Mutter hat noch ärger recht: „Das ist wirklich die schlimmste Art von Beziehung, die ich mir vorstellen kann“ – aber eben auch die schönste, die im Kino seit langem erzählt wurde.

          Man versteht schnell: Das Rechthaben biederen Verantwortungsdenkens erreicht die Wahrheit menschlicher Begegnungen in äußerster Gefährdung sowieso nicht und sollte sich raushalten. Alle hier dienen dieser tief humanen Botschaft, jedes Porträt verleiht ihr Leiblichkeit: Essie Davis (mit Recht seit 2014 weltberühmt wegen „The Babadook“) als Millas Mutter sitzt zugedröhnt mit Antidepressiva am Esstisch auf ihrem Gehirn und blinzelt der Tochter zwischen nicht vorhandenen Vorhängen zu; Eugene Gilfedder als Violinlehrer Gidon sammelt treu Töne ein, die Milla aus den Händen fallen; Emily Barclay als Nachbarin Toby knabbert Eis, an dem man eigentlich lutschen sollte, und raucht hochschwanger, weil das Internet sagt, das wäre unbedenklich; am Allerbesten aber gefällt Ben Mendelsohn als Millas Vater, der Stromschläge, Therapieknoten und andere Ungelegenheiten mit derselben leicht weggetretenen Würde wegsteckt, mit der er sich das Hemd in die Hose stopft, wenn es actionhalber rausgerutscht ist. Mendelsohns kaum mit Worten zu beschreibende, sehr neuartige Verlegenheitsmännlichkeit ist sozusagen geschlechterhistorisch sexy – als hätte jemand Humphrey Bogart gesteckt, dass gelegentliche Eingeständnisse echter Verlegenheit in den Peinlichkeiten des Lebens das wahre Männerformat nicht schmälern, sondern nur stabilisieren können. 

          Bis ins Kleinste durchdachte Formkonsequenz

          Umgeben, umsorgt und gehalten von so vielen Spitzenleistungen hat Toby Wallace als Moses es leicht, so zu grinsen, als machte er das zum ersten Mal und wunderte sich dabei, dass der Mund so etwas kann, und Eliza Scanlen als Milla kann zu Sudan Archives’ Streicherwunder „Come Meh Way“ tanzen, als wären es ihre Bewegungen, die diese leuchtende Musik erzeugen (Murphys Soundtrackauswahl für den Film, von Mozart bis Techno, macht ohnehin diejenigen Gedanken der Regie zur Story und deren Sinn hörbar, die man nicht in Bildern zeigen kann, ist also gleichzeitig hochfunktional, extrem differenziert und verschwenderisch reich).

          Als der sonst geduldige Gidon Milla einmal ermahnt, sie solle doch die Flügel ausbreiten, weil sie nicht so hingebungsvoll geigt, wie er will, ahmt sie patzige Federviehgeräusche nach; der Lehrer ärgert sich: „Wenn du Vogellaute machst, ist das nur dumm“, da tut sie’s gleich noch mal, aber diesmal klingt der Vogel so traurig, dass man verblüfft lachen muss – reine Komikakrobatik, wie in zahlreichen Dialogsätzen der Dramatikerin Rita Kalnejais, die fürs Drehbuch ein eigenes Theaterstück bearbeitet hat, dicht und frei genug, dass Shannon Murphys polyrhythmische Inszenierung ihr inneres Metronom an jedem Satz ausprobieren und nach Szenenbedarf umbauen kann. 

          Überschreitungen ins Unmittelbare

          Die emotionale Wucht des Ganzen entspringt so gleichsam als unerwartete Gnade der bis ins Kleinste durchdachten Formkonsequenz, von meist nüchternen Zwischentiteln („An diesem Tag fühlt es sich nicht wie eine Liebesgeschichte an“) bis zu Leitmotivtricks (Millas Krächzwitz zum Beispiel reiht sich in zahlreiche Vogelerscheinungen ein, vom Krummschnabel, der eine Melone zerhackt, bis zu bunten Flatterclowns, die wegfliegen könnten, es aber bleibenlassen).

          Der ohnehin meist unfruchtbare, von Kritik viel zu oft bemühte Gegensatz zwischen formal anspruchsvoller Kunst einerseits und authentischer Herzensäußerung andererseits ist hier freihändig aufgehoben; ästhetische Arbeit erlaubt Überschreitungen der Plotkonstruktion ins Unmittelbare, und umgekehrt tragen die direktesten Blicke oder Geständnisse von Figuren die Gesamtglaubhaftigkeit der kollektiven Phantasieschöpfung. Wohin?

          Nach der allerersten Begegnung am Bahndamm, als Moses die geistesabwesende Milla anrempelt und damit fast aufs Gleis, ja beinahe in den Tod stößt, kippt sie um, mit Nasenbluten. Er hält ihr sofort sein Hemd unter die Nase, hausbacken ritterlich, das sie schließlich ablehnt, weil es stinkt. Aber was er sagt, ist viel wichtiger: „Konzentrier dich auf den Himmel.“ Sie schaut also nach oben; die Kamera übernimmt ihre Blickrichtung, und was sie sieht, ist sein besorgtes Gesicht. Der religiöse Himmel bleibt in dieser Vision mit Heine „den Engeln und den Spatzen“ überlassen. Aber man muss nicht ans Jenseits glauben, um, wie die Leute in diesem Film, einander nicht nur in der Not so gütig zu behandeln, als wäre man gemeinsam woanders, nämlich da, wo alles gut ausgeht.

          Weitere Themen

          Ein Initiator der Moderne

          Maler Frédéric Bazille : Ein Initiator der Moderne

          Kaum hatte er seinen Vater von seinem Weg überzeugt, zerstörte der deutsch-französische Krieg eine vielversprechende Karriere: Vor hundertfünfzig Jahren fiel der Maler Frédéric Bazille auf dem Schlachtfeld.

          Opas Kino guckt für mich

          Filmfest Mannheim-Heidelberg : Opas Kino guckt für mich

          Jenseits der Üblichkeiten des internationalen Festivalbetriebs ist noch Platz: Das Filmfest Mannheim-Heidelberg macht einen neuen Anfang mit interessanten Filmen wie „My Mexican Bretzel“ von Nuria Giménez.

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.