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„Milla meets Moses“ im Kino : Konzentrier dich auf den Himmel

Bild: X-Verleih

Tödliche Krankheit, Drogensucht und Obdachlosigkeit – kann man daraus eine Liebeskomödie machen? Ja, sogar eine großartige, frei von Kitsch, wie der Film „Milla meets Moses“ beweist.

          4 Min.

          Milla hat aggressiven Krebs im Endstadium; nichts wird sie retten. Die junge Eliza Scanlen spielt diese schwere Rolle als Trudelflug einer in Fieberfarben schillernden Libelle, bedrängt von Stürmen der Selbstpreisgabe aller Figuren ihrer Umgebung. Toby Wallace verkörpert als ihr Widerspiel mit dem verletzlichen Trotz eines tapsigen Welpen den drogenabhängigen Obdachlosen und Kleinkriminellen Moses, den Milla liebt. Die beiden sind zusammen eine komplette Katastrophe, die so lange reift und wuchert, bis Millas Schicksal vom Taumel in den Sturz kippt.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Da wendet sich der Gang der Dinge zum Schlimmsten und zugleich merkwürdig Guten, als eine Art irdischer Erlösung in der herben Tonart „tough love“ – eine Motivkonstellation wird sichtbar, die im Verborgenen die Beziehung der beiden vergiftet und endlich ans Licht muss, weil für Lügen keine Zeit mehr bleibt: Moses stiehlt Milla Medikamente, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern, und als sie das merkt, fordert sie ihn heraus: „Hängst du deshalb mit mir rum?“ Vor pharmazeutisch induzierter Übelkeit kann sie da kaum noch stehen und ihm nur so eben noch in die Augen gucken. „Ja“, sagt er, hilfloser als sie. „Ist das der einzige Grund?“, will sie wissen. Er verneint wortlos, mit schwacher Kopfbewegung, und läuft davon. Man weiß, er wird wiederkommen. Hier also fangen die zwei an, füreinander und voneinander zu lernen; mehr kann man von Menschen nicht wollen, so geht Liebe.

          Neuartige Verlegenheitsmännlichkeit

          „Milla meets Moses“ von Shannon Murphy ist ein sehr lustiger Film, der atemberaubend unbefangen das Traurigste sagen kann – offen, klar, zart, ohne Bitterkitsch. Millas Vater zum Beispiel hat ja leider recht: Moses ist nicht gut für das Mädchen, außerdem zu alt (nämlich eigentlich erwachsen, jedenfalls älter als zwanzig, während Milla noch einen Milchzahn hat, „eine Anomalie“ wie fast alles hier). Und Millas Mutter hat noch ärger recht: „Das ist wirklich die schlimmste Art von Beziehung, die ich mir vorstellen kann“ – aber eben auch die schönste, die im Kino seit langem erzählt wurde.

          Man versteht schnell: Das Rechthaben biederen Verantwortungsdenkens erreicht die Wahrheit menschlicher Begegnungen in äußerster Gefährdung sowieso nicht und sollte sich raushalten. Alle hier dienen dieser tief humanen Botschaft, jedes Porträt verleiht ihr Leiblichkeit: Essie Davis (mit Recht seit 2014 weltberühmt wegen „The Babadook“) als Millas Mutter sitzt zugedröhnt mit Antidepressiva am Esstisch auf ihrem Gehirn und blinzelt der Tochter zwischen nicht vorhandenen Vorhängen zu; Eugene Gilfedder als Violinlehrer Gidon sammelt treu Töne ein, die Milla aus den Händen fallen; Emily Barclay als Nachbarin Toby knabbert Eis, an dem man eigentlich lutschen sollte, und raucht hochschwanger, weil das Internet sagt, das wäre unbedenklich; am Allerbesten aber gefällt Ben Mendelsohn als Millas Vater, der Stromschläge, Therapieknoten und andere Ungelegenheiten mit derselben leicht weggetretenen Würde wegsteckt, mit der er sich das Hemd in die Hose stopft, wenn es actionhalber rausgerutscht ist. Mendelsohns kaum mit Worten zu beschreibende, sehr neuartige Verlegenheitsmännlichkeit ist sozusagen geschlechterhistorisch sexy – als hätte jemand Humphrey Bogart gesteckt, dass gelegentliche Eingeständnisse echter Verlegenheit in den Peinlichkeiten des Lebens das wahre Männerformat nicht schmälern, sondern nur stabilisieren können. 

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