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Video-Filmkritik „Victoria“ : Irrfahrt ans Ende der Nacht

Bild: Senator

Sebastian Schippers „Victoria“ ist kein Film wie alle anderen. In einer einzigen langen Einstellung erzählt er ein Außenseiterdrama, das wir schon viele Male gesehen haben. Aber so noch nicht.

          Filmische Experimente sind eigentlich das Letzte, was ein Kinozuschauer braucht. Im besten Fall, der alle zehn Jahre eintritt, bieten sie eine Erfahrung fürs Leben; im Normalfall stehlen sie einem bloß die Zeit. Das gilt selbst für die Klassiker der gesprengten Form, denen wir, wenn es ernst wird, oft lieber aus dem Weg gehen als ins avantgardistische Auge sehen. Die wenigsten, die heute über Jacques Rivettes Dreizehn-Stunden-Film „Out One“ reden, haben ihn tatsächlich bis zum Ende angeschaut; und von den Besuchern des legendären Warhol-Werkes „Sleep“, das einem Mann mehr als fünf Stunden lang beim Schlafen zusieht, werden die meisten während der Vorführung wohl ebenfalls geschlummert haben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch ist das Kino auf Provokationen und gargantueske Spiele, die es aus seiner gewohnten Routine reißen, vielleicht noch mehr angewiesen als jede andere Kunst. Die größten Regisseure haben davon geträumt, aus dem engen Rahmen des Erzählens auszubrechen: Alfred Hitchcock wollte vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Stadt auf die Leinwand bringen; sein russischer Kollege Tarkowskij wünschte sich eine Kamera, die durch Dächer und Mauern blicken könnte. Das Experimentelle liegt quer in der Filmgeschichte wie eine Insel im Mainstream - nur selten legt dort jemand an, aber ohne den Brocken, der die Wellen bricht, wäre die Landschaft öde.

          Solange die Uhr tickt

          Die Mitteilung, dass Sebastian Schipper seinen 140-Minuten-Film „Victoria“, der von einem tragisch ausgehenden Bankraub im nächtlichen Berlin erzählt, in einer einzigen Einstellung gedreht hat, kann deshalb leicht zwiespältige Gefühle auslösen. Muss man das sehen? Andererseits: Darf man es verpassen? Es gab ja schon einmal einen Spielfilm, Alexander Sokurows Museumsphantasie „Russian Ark“, der aus einem ungeschnittenen Hundert-Minuten-Take bestand, und andere Filme wie Hitchcocks „Rope“ und zuletzt Alejandro Iñárritus „Birdman“ haben ihre Schnittstellen geschickt camoufliert. Aber in Wahrheit war keine der Geschichten auf die formale Strenge des Experiments wirklich angewiesen, jede hätte auch mit einer weniger rigiden, durch Schnitte aufgelockerten Erzählweise ein Ganzes ergeben. Das Wagnis der Form war ein interessantes Beiwerk, keine Existenzbedingung dieser Filme.

          Das ist bei „Victoria“ anders. Ohne die rastlose Bewegung der Kamera von Sturla Brandth Grøvlen, die das Geschehen vorantreibt, und ohne den panischen Druck der Echtzeitinszenierung, die Schippers Helden wie an einer stählernen Schnur durch die schlafende Metropole in ihr Verderben zieht, würde der Film sich in eine lose Folge von Einzelmomenten auflösen. Er lebt nur, solange seine Uhr tickt, solange der Zeiger, der unerbittlich auf das Ende zurückt, nicht stillsteht. Aber in dieser Zwischenzeit, in diesen knapp zweieinhalb Stunden Ausnahmezustand ist es er alles, was man sich vom heutigen Kino erhoffen kann.

          Mischung aus Tag und Traum

          Es beginnt damit, dass eine junge Frau (Laia Costa) vor einem Tanzclub vier junge Männer trifft. Es ist vier Uhr morgens, keiner der fünf will nach Hause, Victoria nicht, weil auf sie ein unterbezahlter Thekenjob in einem Café, die Jungs nicht, weil auf sie ein zielloses Herumtreiberleben wartet. Einer von ihnen hat, wie sich herausstellen wird, noch ein anderes, viel größeres Problem, doch fürs Erste irren sie durch die Straßen, reden schlechtes Englisch, weil die junge Spanierin kein Deutsch versteht, und schauen vom Dach eines Mietshauses in den Himmel über Berlin. Dann geht Sonne (Frederick Lau) mit Victoria in ihr Café, sie spielt ihm einen Walzer von Liszt vor, er hört ergriffen zu, und für kurze Zeit sieht es so aus, als könnten die beiden ein Paar werden. Aber Sonnes Freund Boxer (Franz Rogowski) muss in dieser Nacht bei einem Gangsterboss, der ihm im Gefängnis geholfen hat, seine Schulden bezahlen, und da einer der vier Jungs sich bewusstlos gesoffen hat, brauchen die übrigen vier einen Fahrer, Victoria springt ein, und die Dinge nehmen ihren Lauf.

          In Berlin, wo „Victoria“ auf den Filmfestspielen lief, hat man Schippers Werk als Berlin-Film missverstanden. Wäre es in Köln oder München entstanden, könnten es die dortigen Lokalpatrioten für sich reklamieren. In Wirklichkeit ist „Victoria“ kein Film über einen Ort, sondern über ein Gefühl. Ein Lebensgefühl, das dort entsteht, wo die Sehnsüchte größer sind als die Möglichkeiten, wo das Jetzt, der Furor des Augenblicks, alles andere auslöscht. Rimbaud hat Gedichte darüber geschrieben, die Popmusiker aller Länder widmen ihm ihre Songs, aber der wahre Spiegel dieses Gefühls ist das Kino, mit seiner Verbindung von Musik, Rhythmus und Bild, seinen ungezähmten Bewegungen, seiner Mischung aus Tag und Traum.

          Es gibt keine Gewinner

          Die Ahnenreihe, die zu „Victoria“ hinführt, besteht deshalb auch nicht aus den Kabinettstücken von Hitchcock und Sokurow, sondern aus Filmen wie „Rebel Without a Cause“, „American Graffiti“, „Easy Rider“ und „Die wilde Zeit“, Filmen, in denen der Drang, zu zeigen, was es heißt, jung zu sein, sich eine Form gesucht hat und nicht umgekehrt. Auch bei Schipper ist das Experiment kein beliebiges Stilmittel. Es ergibt sich aus dem, was er erzählen will: eine Echtzeitgeschichte aus einer Welt, in der die Zeit in den Ritzen des Digitalen verschwindet. Obwohl in „Victoria“ nur wenige Smartphones zu sehen sind, tickt der Film doch im Rhythmus der allmächtigen Software. „Download“, befiehlt der Gangsterboss (André Hennicke), als er die Rollen für den Banküberfall verteilt. Es ist die zeitgemäße Form der Aufforderung zum Totentanz.

          So wie Schippers Film die zeitgemäße Form des Außenseiterdramas ist, das er vor fünfzehn Jahren mit „Absolute Giganten“ schon einmal gedreht hat. Diesmal gibt es dabei keine Gewinner, außer Victoria, die das Abenteuer, das sie nicht gesucht hat, mit knapper Not überlebt. Am Ende läuft sie mit einer Tüte voller Geld aus einem Berliner Luxushotel. An ihren Händen klebt Blut. Und im Zimmer oben liegt ein Toter. Muss man das sehen? Ja, unbedingt.

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