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Polanskis „Intrige“ im Kino : Wenn Schnurrbärte lügen

Bild: Weltkino

Ein klassischer Fall von antisemitischem Korpsgeist: Roman Polanskis Film „Intrige“ zeigt die Dreyfus-Affäre ebenso virtuos wie abgebrüht. Mit seiner eigenen Biographie ist der Fall nicht vergleichbar.

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          Müssen wir jetzt darüber diskutieren, dass Roman Polanski sich mit Alfred Dreyfus verglichen hat? Polanski hat den Vergleich zurückgezogen. Aber er steht im Raum. In einem Interview wurde der Regisseur von dem französischen Schriftsteller Pascal Bruckner gefragt, ob er „als Jude, der im Zweiten Weltkrieg verfolgt wurde“, auch „den feministischen McCarthyismus von heute überleben“ werde. Polanski antwortete, er sei, wie Dreyfus, für Dinge verurteilt worden, die er nicht begangen habe, und kenne die Mechanismen, von denen sein Film erzähle.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Interview stand im Presseheft, das vor der Premiere von Polanskis Film „J’accuse“ – der auf Deutsch den phantasielosen Titel „Intrige“ trägt – bei den Filmfestspielen von Venedig im letzten September verteilt wurde. In späteren Presseheften fehlt es. Man könnte also sagen, Polanski habe etwas begriffen. Vielleicht hat er aber auch nur eingesehen, dass es taktisch ungeschickt wäre, seine eigene Geschichte mit der des Films zu verbinden.

          Polanski ist kein Autorenfilmer

          Das ist die eine Seite des Erregungsfalls „Intrige“. Die andere ist der Film selbst. Schon in Venedig meinten viele (darunter die Präsidenten der Festivaljury), man könne den Film nicht sehen, ohne an den Mann zu denken, der ihn gedreht habe. Gerade bei Polanski ist das ein seltsames Argument. Es gibt Regisseure, die ihr Leben im Kino spiegeln. Roman Polanski gehört nicht zu ihnen. Er hat einen einzigen autobiographischen Film gedreht – „Der Pianist“, die Geschichte des Komponisten Władysław Szpilman, der wie Polanski in einem Versteck die Schoa überlebte – und zwanzig andere, die mit seiner Biographie nichts zu tun haben. Polanski ist ein Meister des Genrekinos nach Buchvorlagen (wie „Rosemarys Baby“) und Originaldrehbüchern (wie „Chinatown“), kein Matador des Autorenfilms.

          Das gilt auch für „Intrige“. Den Roman, nach dem der Film entstand, hat der Brite Robert Harris („Vaterland“) vor sieben Jahren veröffentlicht, die Dreyfus-Affäre, die er schildert, ist gut hundert Jahre alt, und Polanski steht seit dreiundvierzig Jahren in den Vereinigten Staaten wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen unter Anklage. Sein Opfer Samantha Geimer hat ihm inzwischen verziehen, und auch darüber gibt es bereits einen Film. Hätte Polanski nach einer Möglichkeit gesucht, seine Biographie mit Hilfe des Kinos schönzufärben, hätte er viele Gelegenheiten dazu gehabt. Der Film „Intrige“ ist dafür kein geeignetes Mittel.

          Der Hass gegen den Mann eines neuen Zeitalters

          Denn dies ist eine Geschichte von Männern mit Schnurrbärten, schwarz-roten Képis, roten Hosen und goldenen Tressen an Uniformen, die wie faltbare Ritterrüstungen aussehen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der am Anfang des Films im Hof der École Militaire von Paris vor Tausenden seiner Kameraden aus der Armee ausgestoßen wird, weil ihn der militärische Geheimdienst wider besseres Wissen ans Messer geliefert hat. Und es ist, neben allem anderen, eine Schlüsselgeschichte des modernen Antisemitismus.

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