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Video-Filmkritik: „Maleficent“ : Dornröschens nette Nemesis

Bild: Disney

In Robert Strombergs Dörnröschen-Verfilmung „Maleficent“ brilliert Angelina Jolie als dunkle Fee. Lustvoll zerstört die Interpretation des alten Märchens althergebrachte Klischees.

          3 Min.

          Wahre Liebe obsiegt. Das ist die Lehre aus dem Märchen „Dornröschen“, in dem ein Prinz seine durch bösen Zauber in Tiefschlaf versetzte Prinzessin wieder wachküsst. Wenn dagegen in „Maleficent“ der Prinz seine Lippen auf die des schlummernden Mädchens legt, bleibt das Mirakel aus. „So viel zur wahren Liebe“, heißt es dazu hämisch von der Seite.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist vieles anders in diesem Film, als wir es zu kennen glauben, zuvorderst der Titel. Maleficent ist der von Walt Disney 1959 eingeführte Name jener bei Perrault und den Brüdern Grimm noch anonymen bösen Fee, die Dornröschens Schicksal heraufbeschwört. Nachdem sie zur Taufe der neugeborenen Prinzessin nicht eingeladen wurde, erscheint die dunkle Fee dennoch und belegt das Mädchen mit dem Fluch, an seinem sechzehnten Geburtstag durch den Stich einer Spindel zu sterben. Mehr als die Abmilderung dieser Verwünschung vom Tod zum Tiefschlaf, der nur durch einen liebevollen Kuss beendet werden kann, gelingt den anderen magisch begabten Taufgästen nicht mehr. In Disneys „Dornröschen“-Trickfilm ist Maleficent charakterisiert durch jene grüne Gesichtsfarbe, die Shakespeare der Eifersucht zuschreibt.

          Maleficent wurde böse mitgespielt

          In Robert Strombergs Spielfilm „Maleficent“ wird dieses der bösen Fee zugeordnete Grün umgedeutet: zur Farbe der unberührten Natur. Maleficent ist bei Stromberg keine böse Fee, sondern eine, der böse mitgespielt worden ist. Und zwar ausgerechnet durch König Stefan, den Vater der Prinzessin, der seine Krone ehedem dadurch erlangte, dass er der in ihn verliebten Maleficent die Flügel geraubt hat. Es ist eine Kastrationsszene, die Stromberg seiner Heldin da widerfahren lässt. „Maleficent“ verdreht nicht nur lustvoll die Märchen-, sondern auch die Geschlechterrollen.

          Angelina Jolie legt dementsprechend ihre Fee als Kriegerin an, und diese Interpretation war im Disney-Trickfilm durch das Äußere Maleficents schon angelegt: Hörner auf dem Haupt, ausgezehrt und doch bildschön - so kommt nun auch die reale Schauspielerin in dieser Rolle daher, die so genau der von Marc Davis animierten Figur angeglichen wurde, dass es eine Lust ist. Der Schlüsselmoment beider Filme, die Taufszene, ist zunächst wortgleich aus dem Trick- in den Realfilm überführt worden, doch in „Maleficent“ sehen wir statt einer eifersüchtigen Uneingeladenen eine betrogene Liebende das Fest stören. So ist es hier denn auch Maleficent selbst, die ihren ursprünglichen Fluch aus Mitleid mit dem Kleinkind korrigiert und der Liebe noch einen Ausweg lässt. Was die Fee nicht weiß, ist, wer am Ende wen zu lieben lernen wird.

          Ein Feenreich hinter Dornenranken

          Zu Beginn von Strombergs Film hebt eine weibliche Erzählstimme, deren Identität bis kurz vor dem Schluss offenbleibt, an: „Alte Geschichten werden neu erzählt, und ihr werdet sehen, wie gut ihr sie kennt.“ Dann sehen wir Maleficents Kindheit und wissen bald, dass wir hier statt der bösen Fee tatsächlich jemand ganz anderes kennenlernen: eine Naturvergeistigte, die sich mit ihren erdverbundenen Untertanen gegen die zerstörerischen Eroberungszüge der Menschen zur Wehr setzt - im Zeichen der Harmonie. Bis der große Betrug stattfindet und Maleficent nicht nur ein unschuldiges Kind verflucht, sondern auch ihr friedliches Feenreich hinter Dornenranken abgeschottet hat.

          Vielfach tauchen also variierte Motive des altbekannten Märchens auf, und viele andere erst der Disney-Trickfilmversion entstammende lässt die Drehbuchautorin Linda Woolverton außerdem zum Zuge kommen: einen Raben als ständigen Begleiter Maleficents, die drei putzigen guten Feen mit ihren Kabbeleien, einen Drachen als letztes Mittel im Kampf und sogar das Eingangslied des Films von 1959, „Once Upon a Dream“, nun zum Abspann in einer verwunschenen Version dargeboten von Lana Del Rey. All das setzt die Kamera von Dean Semler in Bilder um, deren zwielichtige Dämmerung durch allerlei burleske Szenen aus dem bunt bevölkerten Reich Maleficents oder der Waldhütte, dem Versteck der Prinzessin, aufgeheitert wird. Man sieht hier die Erfahrungen, die der Regiedebütant Stromberg als Produktionsdesigner von 3D-Spektakeln wie „Avatar“, „Alice im Wunderland“ oder „Die fantastische Welt von Oz“ gemacht hat.

          Viele starke Frauenfiguren

          „Maleficent“ hätte solche 3D-Mätzchen gar nicht nötig, denn nicht nur Angelina Jolie spielt alles andere als eindimensional. Auch Elle Fanning als jugendliche Prinzessin und vor allem die munter chargierenden Imelda Staunton, Juno Templa und Lesley Manville als skurriles Feentrio sorgen für einen Film voller starker Frauenfiguren, gegen die die beiden von der Vorlage vorgegebenen Männer - Sharlto Copley als König Stefan und Brenton Thwaites als Prinz - nur Abziehbilder bleiben, während Sam Riley als neu eingeführter Gestaltwandler Diaval an der Seite von Maleficent brilliert, gerade weil seine Rolle eindeutige Geschlechtszuweisungen verweigert. Man mag „Maleficent“, auch wenn ein Mann Regie geführt hat, als Manifest eines neuen Frauenkinos sehen, das die hergebrachten Klischees lustvoll dekonstruiert.

          Dass letztlich vom „Dornröschen“-Märchen im „Maleficent“-Mythos nicht viel bleibt, ist nur konsequent. Und so findet die Prinzessin nach ihrer Errettung eine ganz andere Bestimmung als den Traumprinzen aus dem Disney-Trickfilm. Doch auch „Maleficent“ ist ein Disney-Film Wer wissen will, welche Kulturentwicklung ein halbes Jahrhundert ausmachen kann, der schaue sich am besten beide Werke an.

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