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Video-Filmkritik: „Photograph“ : Liebe ist immer auch Erfindung

  • -Aktualisiert am

Bild: Joe D’Souza

Ein Mann und das Bild einer Frau: Ritesh Batra erzählt in seinem Film „Photograph“ eine romantische Geschichte, die alle Zutaten eines tollen Bollywood-Musicals hat. Obwohl nicht mal gesungen und getanzt wird.

          Das Gateway of India in der Millionenstadt Bombay ist als Hintergrund für ein Selfie kaum zu übertreffen. Ein Motiv, das es mit der Freiheitsstatue in New York oder dem Eiffelturm in Paris aufnehmen kann. Unter den zahllosen Menschen, die hier jeden Tag vorbeikommen, übt ein Mann in einem weißen Hemd ein altes Handwerk aus: Rafi macht Fotos. Keine schnellen Aufnahmen mit dem Telefon, sondern sorgfältige Fotografien, die er dann mit einem tragbaren Gerät auch gleich ausdruckt. Rafi erstellt Souvenirs, und zwar ganz individuelle: eine kostbare Erinnerung an einen unwiederbringlichen Moment.

          So lernt er eines Tages eine junge Frau kennen. Miloni ist selbst aus Bombay allerdings aus einer anderen Welt, die Tochter einer Familie aus der Mittelschicht. Ihr Blick ist meistens ein bisschen melancholisch, das mag mit dem Druck zu tun haben, den sie als „Indiens Examensbeste“ verspürt. Dieser Titel ist zwar ein bisschen übertrieben, aber sie absolviert doch pflichtbewusst und mit Bravour alle Prüfungen auf dem Weg zu einer guten Anstellung in einem Wirtschaftsbetrieb. Dass sie früher einmal Theater spielen wollte, übergehen die Eltern, denn das wäre doch bloße Träumerei.

          Das Foto, das Rafi von Miloni macht, das er ihr dann aber nicht aushändigen kann, weil sie schon wieder von der Menschenmenge verschluckt worden ist, dieses Foto stiftet in Ritesh Batras Film „Photograph“ eine Verbindung zu einer Welt der Träume. Sowohl Rafi wie Miloni bekommt mit diesem Bild etwas von sich zu sehen, das ihnen davor nicht klar sein konnte – weil es auf der Verbindung ihrer beiden Existenzen beruhte. Der Film ist also ganz zu Beginn schon bei einem Blick, mit dem alles gesagt ist. Die Geschichte muss das dann noch einholen, und dafür bedarf es nun allerdings einigen Aufwands.

          Alle Zutaten für eine romantische Komödie 

          Denn eigentlich verbietet sich eine Beziehung zwischen diesen beiden Menschen. Rafi ist ein armer Muslim aus dem Dorf, der sein ganzes Geld nach Hause schickt. Miloni hingegen bekommt von ihren Eltern einen jungen Mann vorgestellt, der demnächst nach Amerika gehen wird – und den sie als Heiratskandidat zumindest einmal einer Begutachtung unterziehen soll. Auch für Rafi ist die Frage nach seiner künftigen Frau wichtig. Denn seine Großmutter macht Druck. Sie erpresst ihn geradezu. Wenn er ihr nicht bald jemanden vorstellt, nimmt sie ihre Medikamente nicht mehr.

          Also erfindet Rafi ein Mädchen. Das Foto von Miloni, das er ihr nicht geben konnte, wird zum Ausgangspunkt einer Fiktion. Als die Großmutter nach Bombay kommt, um sich persönlich ein Bild zu machen, muss Rafi also zuerst einmal Miloni finden (wie ihm das gelingt, ist eine der vielen subtilen Pointen in dieser Geschichte), und dann muss er sie dazu überreden, einmal mit ihm auszugehen. Nur zum Schein, für die Großmutter, die dann beruhigt wieder in ihr Dorf zurückfahren könnte. Das tut sie natürlich nicht, denn diese Dadi wird für den Film noch gebraucht. Sie ist die dritte Hauptfigur, eine alte Dame mit einem unvergesslichen Gesicht und einem trockenen Humor.

          „Photograph“ hat alle Zutaten einer romantischen Komödie. Man könnte sich das alles auch gut in Gestalt eines Bollywood-Musicals vorstellen, mit Gesang und Tanz und einem Happy End, in dem sich die veränderten Sitten in Indien zu erkennen geben. Ritesh Batra hat sorgfältig alle Elemente zusammengetragen, die das populäre Genre in seinem Land auszeichnen, und er zeigt sogar einmal, dass Rafi die Konventionalität dieser Gefühlswelten aus Farbenpracht und Schlagermelodien vollkommen bewusst ist: „Die Geschichten sind immer dieselben.“

          Talente aus allen Himmelsrichtungen

          Das heißt nun aber gerade nicht, dass „Photograph“ eine andere Geschichte erzählen will. Es geht eher darum, eine geläufige Geschichte in einer anderen Weise zu erzählen. Auch dafür gibt es Konventionen, denn Ritesh Batra wendet sich mit seinem Film an ein Publikum, das in der Lage ist, die Unterschiede zwischen einer Bollywood-Schnulze und einer „echten“ Liebesgeschichte zu goutieren und von beiden Formen das Beste zu erwarten. Im indischen Kino hatte zuvor nur Mira Nair eine vergleichbare Position inne – eine Regisseurin, die das populäre Nationalkino mit einer persönlichen Sensibilität verband. 2013 hatte Ritesh Batra dann mit „Lunchbox“ einen Welterfolg, schon damals eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte inmitten der Metropole Bombay, in der noch dazu das (höchst fotogene) indische Essen eine wichtige Rolle spielte.

          Nach zwei amerikanischen Produktionen kehrte Ritesh Batra nun für „Photograph“ nach Indien zurück. Sein Film ist allerdings ein globales Produkt, in das sich die Netzwerke der Filmfinanzierung eingeschrieben haben, die sich immer dichter zwischen den Kontinenten verweben. Auch von hiesigen Förderinstitutionen kam Geld, Teile der Postproduktion fanden in Deutschland statt, so dass nun als Produktionsländer Indien, die Vereinigten Staaten und eben Deutschland aufscheinen. Und auch der Weltkonzern Amazon hat sich seinen Anteil an „Photograph“ gesichert.

          Ritesh Batra konnte unter diesen Umständen auf Talente aus allen Himmelsrichtungen zurückgreifen. Ein nicht unwesentlicher Aspekt ist zum Beispiel der Soundtrack von dem Südafrikaner Peter Raeburn (bekannt durch Arbeiten mit Jonathan Glazer): Ein einfaches, aber hypnotisch wirksames Thema zieht sich in subtilen Variationen durch und grundiert die Ernsthaftigkeit, mit der Rafi und Miloni ihr denkbares Glück auf vorsichtige Distanz halten.

          Dass sie füreinander bestimmt sind, ist ja im Grunde von Beginn an klar. Umso anspruchsvoller ist die Aufgabe, den richtigen Rhythmus zu finden und die Hindernisse nicht zu dramatisch aufzuladen. Das Wesentliche ist dabei eigentlich schon mit der Wahl der Schauspieler getan: Vor allem Nawazuddin Siddiqui, der in „Lunchbox“ neben dem Superstar Irrfan Khan auffiel, macht Rafi zu einer denkwürdigen Figur. Ein Mann, der sich eigentlich schon aus dem Leben zurückgezogen hat, ein „Unberührbarer“ nicht so sehr aufgrund seiner sozialen Situation, sondern aufgrund eines persönlichen Traumas. Sanya Malhotra spielt Miloni als eine nicht minder introvertierte Romantikerin, der man aber immer ansieht, dass sie jederzeit aufblühen kann.

          Das Bombay das in „Photograph“ zu sehen ist, wirkt manchmal fast noch kolonial, die Schauplätze sind genauso gut gecastet wie die Figuren. Zu den sozialen und politischen Wirklichkeiten des Landes hält Ritesh Batra eine gebrochene Distanz. Er ist eben kein Realist, sondern er erzählt davon, wie sich in einer Welt, in der alles nach dem einen unverwechselbaren und dabei doch bestmöglich austauschbaren Bild strebt, ein Rest von Eigensinn halten kann. Etwas, was niemand sieht außer den beiden, die füreinander bestimmt sind. Und der Filmemacher, der ihr Geheimnis mitteilt, ohne es zu verraten.

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