https://www.faz.net/-gs6-9pta9

Video-Filmkritik: „Photograph“ : Liebe ist immer auch Erfindung

  • -Aktualisiert am

Bild: Joe D’Souza

Ein Mann und das Bild einer Frau: Ritesh Batra erzählt in seinem Film „Photograph“ eine romantische Geschichte, die alle Zutaten eines tollen Bollywood-Musicals hat. Obwohl nicht mal gesungen und getanzt wird.

          Das Gateway of India in der Millionenstadt Bombay ist als Hintergrund für ein Selfie kaum zu übertreffen. Ein Motiv, das es mit der Freiheitsstatue in New York oder dem Eiffelturm in Paris aufnehmen kann. Unter den zahllosen Menschen, die hier jeden Tag vorbeikommen, übt ein Mann in einem weißen Hemd ein altes Handwerk aus: Rafi macht Fotos. Keine schnellen Aufnahmen mit dem Telefon, sondern sorgfältige Fotografien, die er dann mit einem tragbaren Gerät auch gleich ausdruckt. Rafi erstellt Souvenirs, und zwar ganz individuelle: eine kostbare Erinnerung an einen unwiederbringlichen Moment.

          So lernt er eines Tages eine junge Frau kennen. Miloni ist selbst aus Bombay allerdings aus einer anderen Welt, die Tochter einer Familie aus der Mittelschicht. Ihr Blick ist meistens ein bisschen melancholisch, das mag mit dem Druck zu tun haben, den sie als „Indiens Examensbeste“ verspürt. Dieser Titel ist zwar ein bisschen übertrieben, aber sie absolviert doch pflichtbewusst und mit Bravour alle Prüfungen auf dem Weg zu einer guten Anstellung in einem Wirtschaftsbetrieb. Dass sie früher einmal Theater spielen wollte, übergehen die Eltern, denn das wäre doch bloße Träumerei.

          Das Foto, das Rafi von Miloni macht, das er ihr dann aber nicht aushändigen kann, weil sie schon wieder von der Menschenmenge verschluckt worden ist, dieses Foto stiftet in Ritesh Batras Film „Photograph“ eine Verbindung zu einer Welt der Träume. Sowohl Rafi wie Miloni bekommt mit diesem Bild etwas von sich zu sehen, das ihnen davor nicht klar sein konnte – weil es auf der Verbindung ihrer beiden Existenzen beruhte. Der Film ist also ganz zu Beginn schon bei einem Blick, mit dem alles gesagt ist. Die Geschichte muss das dann noch einholen, und dafür bedarf es nun allerdings einigen Aufwands.

          Alle Zutaten für eine romantische Komödie 

          Denn eigentlich verbietet sich eine Beziehung zwischen diesen beiden Menschen. Rafi ist ein armer Muslim aus dem Dorf, der sein ganzes Geld nach Hause schickt. Miloni hingegen bekommt von ihren Eltern einen jungen Mann vorgestellt, der demnächst nach Amerika gehen wird – und den sie als Heiratskandidat zumindest einmal einer Begutachtung unterziehen soll. Auch für Rafi ist die Frage nach seiner künftigen Frau wichtig. Denn seine Großmutter macht Druck. Sie erpresst ihn geradezu. Wenn er ihr nicht bald jemanden vorstellt, nimmt sie ihre Medikamente nicht mehr.

          Also erfindet Rafi ein Mädchen. Das Foto von Miloni, das er ihr nicht geben konnte, wird zum Ausgangspunkt einer Fiktion. Als die Großmutter nach Bombay kommt, um sich persönlich ein Bild zu machen, muss Rafi also zuerst einmal Miloni finden (wie ihm das gelingt, ist eine der vielen subtilen Pointen in dieser Geschichte), und dann muss er sie dazu überreden, einmal mit ihm auszugehen. Nur zum Schein, für die Großmutter, die dann beruhigt wieder in ihr Dorf zurückfahren könnte. Das tut sie natürlich nicht, denn diese Dadi wird für den Film noch gebraucht. Sie ist die dritte Hauptfigur, eine alte Dame mit einem unvergesslichen Gesicht und einem trockenen Humor.

          „Photograph“ hat alle Zutaten einer romantischen Komödie. Man könnte sich das alles auch gut in Gestalt eines Bollywood-Musicals vorstellen, mit Gesang und Tanz und einem Happy End, in dem sich die veränderten Sitten in Indien zu erkennen geben. Ritesh Batra hat sorgfältig alle Elemente zusammengetragen, die das populäre Genre in seinem Land auszeichnen, und er zeigt sogar einmal, dass Rafi die Konventionalität dieser Gefühlswelten aus Farbenpracht und Schlagermelodien vollkommen bewusst ist: „Die Geschichten sind immer dieselben.“

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Welche Zukunft hätten Sie gern?

          Wer Klimaschutzpolitik als Kampf zwischen den Generationen etikettieren will, ist schief gewickelt. Die Zahl besorgter Eltern und Großeltern, die vergangenen Freitag an der Seite von Kindern und Enkeln auf die Straße gingen, war beachtlich. Der ganzen Debatte fehlt es an Optimismus.
           Ein Flugzeug von Thomas Cook steht auf dem Rollfeld des Flughafens von Manchester.

          Sanierung gescheitert : Thomas Cook ist pleite

          In der Nacht wurde das Aus besiegelt: Der älteste Reisekonzern der Welt steht vor der Zwangsliquidation. Das betrifft auch Zehntausende deutsche Urlauber. Condor-Maschinen sollen zunächst weiter fliegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.