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Video-Filmkritik: Boyhood : Die Entdeckung des Kontinents der Kindheit

Bild: Universal

Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater an seinem Film „Boyhood“ gedreht - die Chronik einer Jugend, wie es noch keine gab. Und ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition.

          5 Min.

          Der Anfang dieses Films ist, man kann es nicht anders sagen, konventionell. Ein Junge liegt im Gras, die Hände im Nacken, und schaut in den Himmel. Seine Mutter kommt aus der Klassensprechstunde, in der Schule hat es Ärger gegeben, auf der Autofahrt nach Hause liest sie ihrem Sohn die Leviten: im Unterricht geschlafen, den Bleistiftspitzer der Lehrerin ruiniert ...

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Junge, Mason, ist sieben und hat eine ältere Schwester, Samantha; am Abend liest die Mutter den beiden aus „Harry Potter“, erster Teil, vor. Sie lebt vom Vater der Kinder getrennt, auch ihr Freund hat sie gerade verlassen, deshalb zieht sie mit den Geschwistern von Austin nach Houston. Beim Auszug muss Mason die Filzstiftstriche im Türrahmen übermalen, mit denen die Mutter die wachsenden Körpergrößen ihrer Kinder markiert hat. Dann sitzen die drei im vollgepackten Familienkombi, und Mason blickt aus dem Autofenster, während sein bester Freund auf dem Fahrrad noch ein Stück weit hinter dem Wagen herfährt und dann zurückbleibt.

          Eine Kindheit, was ist das schon?

          In Richard Linklaters „Boyhood“ ist es alles. Die ganze Geschichte, der ganze Inhalt des Films. Und so, wie Linklater von der Kindheit des Jungen aus Austin, Texas, erzählt, ist es nicht nur Masons Geschichte, sondern ein Spiegel aller Kindheiten, überall. Denn Linklaters Film handelt nicht nur von den besonderen Umständen und Ereignissen eines Mittelklasselebens in einer Patchworkfamilie im Amerika des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts, sondern auf nie gesehene Weise von dem, was alle Lebensläufe an allen denkbaren Orten auf der Welt miteinander verbindet: dem Vergehen der Zeit. Und indem er dieses Vergehen zeigt, setzt er zugleich der Apparatur ein Denkmal, die die verfließende Zeit aufzeichnen kann wie keine andere menschliche Erfindung - dem Kino.

          In Houston geht Mason (Ellar Coltrane), inzwischen acht Jahre alt, auf eine neue Schule, seine Mutter (Patricia Arquette) lernt einen neuen Mann kennen und zieht mit den Kindern zu ihm, und auch Masons Vater (Ethan Hawke) ist wieder da: Er fährt den Jungen und seine Schwester in seinem alten Pontiac spazieren und geht mit ihnen zum Bowling, obwohl Mason die schwere Kugel kaum heben kann. Dann entpuppt sich der Stiefvater, ein Professor am College, an dem Masons Mutter studiert, als gewalttätiger Alkoholiker, es gibt Schläge und Tränen und wieder einen Umzug, und Mason, jetzt ist er zwölf, muss auf eine neue Schule, wo er von Älteren gemobbt und von den Mädchen seiner Klasse umworben wird, seine Haare, zuvor streichholzkurz, fallen ihm über die Augen, der sechste Band von „Harry Potter“ erscheint, und auf den Straßen hat der Wahlkampf von John McCain gegen Joe Biden begonnen; Mason, seine Schwester und sein Vater verteilen Obama-Plakate und -Sticker in der Nachbarschaft, und im Fernsehen läuft ein Bericht über ein Massaker im Irak . . .

          Die „Before Sunset“-Trilogie

          Und so, zwischen den Bildern und in ihnen, zuerst fast unmerklich, dann immer spürbarer, bedrängender und unausweichlicher, vergeht, wovon dieser Film handelt: die Kindheit, das Leben, die Zeit. Als Richard Linklater vor zwölf Jahren mit den Dreharbeiten zu „Boyhood“ anfing, wusste er weder genau, in welche Richtung sich sein Projekt entwickeln noch ob er es überhaupt zu Ende bringen würde. Fest stand nur, dass er jedes Jahr drei oder vier Tage lang mit immer denselben Schauspielern an derselben Geschichte arbeiten wollte, und dass es dabei um die Dinge gehen sollte, die ihn im Kino am meisten interessierten: das Jungsein, den Weg ins Leben, die erste Liebe, die Sehnsüchte und Enttäuschungen, alles, was zur Erfahrung des Erwachsenwerdens gehört.

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