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Video-Filmkritik : Finstere Ungeheuerlichkeiten, fein aquarelliert

Wie kann man Missbrauch verhandeln? Man verlegt ihn in ein fernes Mittelalter in Phantasieeuropa und bevölkert die Geschichte mit Mythen und Magie. Bild: © Cinelicious Pics

Der japanische Trickfilm „Die Tragödie der Belladonna“ von 1973 ist eine verstörende fernöstliche Phantasie über unser Mittelalter. Eine rekonstruierte Fassung kehrt jetzt ins Kino zurück.

          5 Min.

          Die blasse Schönheit im schneeweißen Brautkleid wirft sich der Fürstin zu Füßen, von der wir nur den dunklen Mantel sehen. Das Mädchen fleht die Herrin an: Kennt sie denn kein Erbarmen, will sie nicht doch dem Fürsten, ihrem grausamen Mann, das ekelhafte Recht verwehren, sich an der Liebsten eines anderen in der Hochzeitsnacht zu vergehen? Der Pöbel, der die Szene umzingelt, lacht dreckig. Die Stimme der Fürstin fragt kalt: „Ist sie keusch?“ Der Abschaum, missgünstig, schmutzig, weiß natürlich Bescheid über alles, was ihn nichts angeht, und sagt, die Hilflose sei rein, man höre nur Gutes über sie. Die Fürstin ist zufrieden mit der Auskunft und fasst einen satanischen Entschluss, den sie sofort verkündet: „Hört her! Nachdem der Fürst dieses Geschenk genossen hat, sollt ihr alle ebenfalls davon kosten!“

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Über so viel Grausamkeit verliert das Bild die Fassung – der Film zerbricht in schwarze und weiße Scherben, bevor der fürchterliche alte Adlige der jungen Frau Gewalt antut. Die böse Tat, an der die ganze restliche Geschichte hängt wie am Galgen, wird einerseits symbolisch verhüllt, andererseits aber gerade mit den scharfen Umrissen und Farbfeldern dieser Symbolik grell ausgestellt. Weil dieser Film gezeichnet und gemalt ist, weiß man beim Zusehen, dass auch das Unerträgliche bis ins Detail geplant, gewollt, gesetzt ist – die unwillkürlichen Glücksfälle der Bildfindung, die bei der Arbeit mit der Kamera auf dem Spektrum zwischen natürlichem und künstlichem Licht, in der Natur oder im Studio, anfallen können, sind dieser Optik versperrt, sie muss alles selbst erfinden, was sie sagen will. Die Leibesmitte der Frau wird schreiend entzweigerissen, Filmschnitt wird Scherenschnitt, Blut verwandelt sich in einen Schwarm Fledermäuse.

          Video-Filmkritik : Ein brandaktuelles, grausames Märchen

          Voyeurismus im Halbdunkel, Aufklärung übers Finstere

          Es gibt Handlungen, die keine Kunst ohne Entstellung und Verharmlosung darstellen kann, weil Kunst immer so tut, als ob, während das Schlimmste am Schlimmen ist, dass es wirklich geschieht. Es gibt aber auch Geschichten, die ohne die Darstellungen solcher Handlungen nicht erzählbar sind und erzählt werden müssen. Das betrifft nicht nur Intimes, sondern auch historische Verbrechen, zum Beispiel Menschenrechtsverletzungen, die es auch vor der ersten Erklärung irgendwelcher Menschenrechte gegeben hat.

          Die oben geschilderte Vergewaltigungssequenz stammt aus Eiichi Yamamotos „Kanashimi no Beradonna“ (1973), international als „Belladonna of Sadness“, in Deutschland als „Die Tragödie der Beladonna“ bekannt. Das Konzept, das einer der Großen des japanischen Animationskinos, Osamu Tezuka, als Verfilmung der Abhandlung „La Sorcière“ (1862) von Jules Michelet erarbeitete, bricht einen französischen Mittelalteralbtraum aus dem neunzehnten Jahrhundert durchs Prisma einer japanischen Alteuropaphantasie. Überblendungsstrudel sind die schwindelerregende Folge: Voyeurismus im Halbdunkel, Aufklärung übers Finstere als selbst zutiefst zwielichtige Veranstaltung, Männerblick und Hexentrotz.

          Eine Begegnungsstätte widerstreitender ästhetischer Zauberformeln: Der Film gehört zu einer Reihe experimenteller Trickfilme für Erwachsene.
          Eine Begegnungsstätte widerstreitender ästhetischer Zauberformeln: Der Film gehört zu einer Reihe experimenteller Trickfilme für Erwachsene. : Bild: Cinelicious Pics

          Fünfzehn Jahre nachdem dieses interkulturelle Projektionsdelirium vollendet worden ist, hat Jonathan Kaplan in „The Accused“ (1988) mit Jodie Foster das Schicksal einer vergewaltigten Frau als Justizdrama inszeniert, um vorzuführen, wie Respekt und Gerechtigkeit in einem neuzeitlichen, emphatisch nachmittelalterlichen System erkämpft werden könnten. Diese konstruktive, westlich-nördliche Fiktion gratuliert der Gesellschaft, die sie abbildet, dazu, dass es in ihr tendenziell schon keine dunklen Winkel mehr gibt, in denen die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung straflos bleibt, und blendet aus, was alle wissen, nämlich, dass es mitten im modernsten Leben sehr wohl Orte und Zeiten gibt, die solches Lob nicht verdienen.

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