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Filmkritik: „Ready Player One“ : Der Weg aus dem Schein führt tiefer hinein

Das Wichtigste und Wertvollste am ganzen Film ist allerdings keine schauspielerische oder sonstige Einzelleistung, sowenig wie die eher skizzenhafte Abbildung und wertende Gestaltung von Beziehungen zwischen Minder- und Mehrheiten, sondern die Perspektive auf Gesellschaftliches im Großen: die Konzeption der Massenszenen. Es sind die klügsten, die man seit langem auf der Leinwand gesehen hat. Die Ausgangslage für Massenszenen ist in unseren Tagen ja trist: Unzählige Tolkien-, Zukunfts- und Superheldenfilme haben das Publikum an Copy-Paste-Heerscharen und programmierte Statisterie gewöhnt; die analogen Getümmel, die von „Metropolis“ (1927) bis „Braveheart“ (1995) fürs Verhältnis von Masse und Macht standen, wurden wegrationalisiert, als hätte das Kino bittere Worte von Wolfgang Pohrt aus dem Jahr 1992 illustrieren müssen: „Es war einmal, dass die – richtige oder falsche – Idee die Massen ergreifen und begeistern musste, um selbst zur materiellen Gewalt zu werden wie 1789 oder 1917. Im Atomzeitalter kommt die Geschichte ohne Ideen und ohne Massen aus – noch nie waren die Menschen so überflüssig. Kein Wunder daher, dass manche zum Islam, der Religion des Fatalismus, konvertierten, und viele etwas trübsinnig wurden.“ Man hat in dieser Lage versucht, die alten Massen zu rekonstruieren, auf der Straße („Populismus“) wie im Kino, etwa mit der infernalischen „Lauter Polizisten gegen lauter Verrückte“-Schlacht im Finale von Christopher Nolans „The Dark Knight“ (2012).

Nichts in der Hand als drahtlose Ketten

Eine Abstraktionsebene höher interpretiert Spielberg in „Ready Player One“ eben jene alte Masse nicht als von neuen, sozial atomisierten und digital synthetisierten Menschenmengen überschrieben und ausgelöscht, sondern zugleich verdoppelt und verzerrt gespiegelt. Das letzte Gefecht findet hier daher zweimal statt, in der OASIS einerseits, im Großraumbüro und auf der Straße andererseits: Die Avatare zücken Gewehre, aber die Aufständischen haben nichts in der Hand als ihre drahtlosen Ketten. Es ist ein Denkbild, das sich auf keine Moral reduzieren lässt, progressiv so gut deutbar wie konservativ, schillernd undurchschaubar schön. Der heute weit verbreitete kulturpessimistische Widerwille gegen die Überhöhung, Glättung, Tilgung und Unterschlagung von Wirklichkeit durch digital erzeugte Bilder kann bei „Ready Player One“ lernen, die wichtigsten Spuren jener Wirklichkeit im Schein als das auszumachen, was anders als in solcher Verkleidung auf dem gegebenen Stand der Kunst gar nicht mehr ästhetisch wirksam mitteilbar wäre.

Der Weg aus dem Schein führt zunächst tiefer hinein – die meisten Szenen, die Spielberg in der OASIS inszeniert, wirken, als hätte er den Wettlauf aller Illusionisten mit der Wirklichkeit aufgegeben; der algorithmische Wind, der die Haare der Avatare zaust, ist der Atem eines Schöpfers, der seine Pläne nicht mehr hinter Mimesis und Naturalismus versteckt.

Am Ende verabschiedet sich der alte, schüchterne und weise Programmierer Halliday, dem Mark Rylance im Film die Würde der gütigen Machtentsagung eines allzu mächtig gewordenen Zauberers verleiht, hilflos liebevoll von seinem jungen Champion: „Thank you for playing my game.“ In dieser leisen Abdankung spricht der späte Spielberg eine zutiefst gefährdete Hoffnung aus: Der Tauchgang ins Erfundene möge ein Durchgang zwischen alten und neuen Wahrheiten sein, kein Untergang.

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