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Video-Filmkritik : Unrecht ist spannend

Bild: F.A.Z., Eurovideo Medien

Sozialdrama, Thriller und Hauptwerk eines Ausnahmeregisseurs: Der Film „99 Homes“ von Ramin Bahrani zeigt die Hypothekenkrise als gnadenlosen Zweikampf von Schuld und Sühne.

          Andrew Garfields Zunge scheint zu groß für seinen Mund; es sieht aus, als wolle er sie verschlucken, weil er eigentlich schreien möchte und nicht darf. Jetzt blinzelt er, rotäugig und flattrig, weil er weinen möchte und nicht kann. Die Figur, die er in Ramin Bahranis Film „99 Homes - Stadt ohne Gewissen“ spielt, ist eine Rolle, die ihn zusammendrückt wie eine Schrottpresse ein ausgebranntes Unfallauto: Dennis Nash verliert sein Zuhause vor Gericht, denn er ist drei Hypothekenratenzahlungen im Rückstand, weil sein Lohn ausbleibt, den er ausgerechnet im Baugewerbe verdienen will. Der Schuppen, den er (gemeinsam mit einem Rudel vermutlich illegaler Leiharbeiter aus Mittel- oder Südamerika) zuletzt zimmern sollte, bleibt halbfertig stehen, denn der Finanzierungsplan des Möchtegernbauherrn ist kollabiert.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Menschenleben sind Dominosteine in diesem Film, der keine Zeit damit verliert, sie aufzustellen: Eins stößt das andere um, und der Verlust des Hauses ist für Dennis Nash und seinen Sohn, den er, weil die Mutter fehlt, zusammen mit der Großmutter des Jungen erzieht, gleichzeitig das Ende einer kosmetischen Ich-AG, die diese Großmutter in Heimarbeit betreibt, weil der kleine Familenrumpf auf derlei Einkünfte angewiesen ist. Die Oma ist Laura Dern, ein schlecht verschnürtes Paket wachsender Panik, eingewickelt in brüchigen Optimismus, der so wenig wie Garfields Nash eine Antwort auf die simple Frage des Enkels weiß: „Wo wohnen wir, wenn wir das Haus verlieren?“

          Inszenierungskunst und Gesellschaftsanalyse

          Reiche Kinder glauben, ihr Zuhause sei der Ort, an den man immer zurückkehren kann, egal, wie weit man sich in die Welt hinausgewagt hat. Reiche Kinder wissen meist nicht, dass sie reiche Kinder sind, zum Beispiel, weil sie keine armen Kinder kennen. Reichen Erwachsenen dagegen ist klar, was Arme früh lernen: dass man ein Zuhause nur so lange hat, wie man es bezahlen kann (auch ein Schloss will beheizt und anderweitig unterhalten sein). Ramin Bahranis Filme, die aus dem zerklüfteten Terrain sozialkritischen Gegenwartsfilmschaffens so weit herausragen wie der Montblanc aus dem europäischen Einigungsprozess, halten diese Tatbestände sicher im Fokus, handeln allerdings stets von mehr als dem Unterschied zwischen Arm und Reich.

          In „Man Push Cart“ (2005), „Chop Shop“ (2007), „Goodbye Solo“ (2008), „At Any Price“ (2012) und nun auch im vorläufigen inszenierungskünstlerischen und gesellschaftsanalytischen Höhepunkt der Laufbahn dieses Regisseurs, „99 Homes“, der im Jahr 2014 entstanden ist und in Deutschland deprimierenderweise keinen Kinoverleih fand, sondern an diesem Donnerstag auf DVD (von Eurovideo Medien) veröffentlicht wird, wissen alle, dass diejenigen, denen die Welt gehört, nicht einfach um Beute, sondern genau wie ihre Opfer buchstäblich ums Überleben kämpfen, als zwangsverpflichtete Mitspieler in ein und derselben Partie „Monopoly“, aus der man (wovon „Goodbye Solo“ handelt) nur durch den Tod aussteigen kann: „Ich muss morgen früh arbeiten, verschwinde!“, so wimmelt ein halbwegs Geschützter in Bahranis Debüt „Man Push Cart“ einen Verzweifelten mitten in der Nacht ab, dem er zuvor versprochen hat, er werde ihm jederzeit helfen - ein Versprechen, dass er, so geht eben das Spiel, genau in dem Moment bricht, in dem es eingelöst werden müsste, wenn es je irgend etwas wert gewesen wäre.

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