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Queen & Slim : Wir rauben keine Banken aus!

Bild: Universal Pictures Germany

Melina Matsoukas erzählt in ihrem erstaunlichen Kinodebüt „Queen & Slim“ eine Story, wie sie nur schwarzen Amerikanern widerfahren kann – als Flucht- und Liebesgeschichte mit Legendenpotential.

          4 Min.

          Ein Tinderdate. Sie hat ihn ausgesucht, weil sie an diesem Abend nicht allein sein will, er den Treffpunkt. Es ist ein Schnellrestaurant irgendwo in Cleveland in Ohio, kostengünstig, ruhig, familiär. Sie sind beide jung, sie ist gut ausgebildet, schön und wütend, er etwas nervös, prinzipiell aber entspannt und Angestellter in einem Supermarkt. Sie ist wütend, weil einer ihrer Klienten hingerichtet wird. Sie sagt: „Ich bin Strafverteidigerin“, und fügt hinzu „eine exzellente sogar“, und er antwortet: „Warum müssen wir immer besonders gut sein? Reicht es nicht, so zu sein, wie wir sind?“

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er betet vor dem Essen, sie rollt die Augen. „War er schuldig“, fragt er, und sie: „Kommt es darauf an?“ Sie ist ungeduldig, weil die Kellnerin trödelt. Sie misstraut dem Essen. Er erklärt, er kenne die Leute hier und ihre Schwierigkeiten, und dafür machten sie es eigentlich ganz gut. Die erste Verabredung läuft nicht gerade zielgenau auf eine zweite zu. Die beiden scheinen aus unterschiedlichen Welten zu kommen. Aber sie landen noch am ersten Abend in derselben Wirklichkeit.

          Sie hat keinen Namen in dem Film, und er auch nicht. Nennen wir sie trotzdem Queen und ihn Slim, denn das ist der Titel des Films von Melina Matsoukas, der ihre Geschichte erzählt, und diese Namen füllen in grellem Gelb auf schwarzem Grund die Leinwand, wenn es losgeht. Als stünden sie für etwas, das größer ist als die Figuren. Und nach diesem Film könnte das durchaus so sein. Bei Bonnie und Clyde weiß ja auch jeder, worum es geht, oder bei Thelma und Louise oder Romeo und Julia. Und bald wohl auch bei Queen und Slim, die von Jodie Turner-Smith und Daniel Kaluuya verkörpert werden, als wüssten sie, dass gerade eine Legende entsteht, dass sich Menschen an diese Figuren erinnern werden, viel später noch, wenn sie selbst nicht mehr sind.

          Wie glücklich sind sie auf der Straße

          Nach dem nicht gerade vielversprechenden Beginn ihrer Beziehung begegnen die beiden auf der Heimfahrt ihrem Schicksal in Gestalt eines Verkehrspolizisten, der sie anhält, weil Slim auf weithin leerer Straße kurz ins Schlingern geraten ist. Die beiden wissen noch nicht, dass dieser Polizist schon einmal jemanden in einer Verkehrskontrolle getötet hat, einen Schwarzen, wie sie es sind. Doch kennen sie die Gefahr. Verhalten sich vorsichtig. Aber nicht unterwürfig, wie es der Polizist offenbar erwartet, jedenfalls schießt er Queen ins Bein, als diese nach seiner Dienstnummer fragt. Ein Handgemenge folgt, am Ende ist der Polizist tot, und Queen und Slim sind gemeinsam auf der Flucht. Die Kamera auf dem Armaturenbrett des Polizeiwagens hat gefilmt, was geschah, und bald ist das Video überall im Netz zu sehen.

          Es begann mit einem Tinderdate, dann ist der Polizist tot: Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith.

          Was folgt, ist der Weg des Paars nach Süden, in verschiedenen Fahrzeugen, eine Flucht, die in der entgegengesetzten Richtung der „Great Migration“ verläuft, in der ehemals Versklavte und später ihre Nachkommen aufbrachen, um im etwas weniger rassistischen Norden des Landes einen Ort relativer Sicherheit und eine Arbeit zu finden. Ziel von Queen und Slim aber ist Florida und dann vielleicht Kuba, ihre einzige Chance.

          Anders als bei den meisten Fluchtgeschichten, die aus der Gegenüberstellung ihre Spannung beziehen, sehen wir die Verfolger lange nicht. Es gibt nur eine Geschichte, um die es hier geht, nicht noch eine, die parallel zu ihr verläuft. Wie alle Roadmovies zelebriert auch dieses das Unterwegssein, die Freiheit, die es bedeutet, ungebunden durchs Land zu ziehen, das Glück, das darin liegt, die Begegnungen, die es den beiden schenkt. Allerdings liegen für die schwarzen Amerikaner Freiheit und Tod historisch nah beieinander, und diese Nähe des Todes ist den Fliehenden klar und allen, denen mit denen sie in Kontakt kommen. Aber wie glücklich sind sie auf der Straße, wie vollkommen lebendig! Einmal halten sie nachts an einer Bar, um zu tanzen, und zum ersten Mal sagt Queen etwas, das ihre Verletzlichkeit offenbart, und Slim findet die richtige Antwort. Ein anderes Mal parken sie an einer Pferdekoppel, und Slim klettert auf einen Gaul und reitet ein Stück. „Nichts erschreckt einen weißen Mann mehr als ein schwarzer Mann auf einem Pferd“, sagt Queen, und der Besitzer der Koppel beweist, dass sie recht hat, während Queen und Slim ihn nicht wirklich ernst nehmen.

          Ein neues Kino entsteht

          Ebenso wie um die Bewegung und das Unterwegssein geht es aber in diesem Film auch um die Orte, an denen die beiden Halt machen, Unterschlupf finden, einen Augenblick der Ruhe, Solidarität. Tausende von Kilometern sind Queen und Slim unterwegs, und sie verändern sich, je weiter sie nach Süden kommen und je näher sie einander kennenlernen, notgedrungen aufeinander angewiesen und mehr und mehr ineinander verliebt. Die Menschen und Situationen, denen sie begegnen, sind dem Film mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Sie bilden fast eine Art zeitgenössische Underground Railroad, ein Netzwerk von Fluchthelfern, angefangen mit Onkel Earl in New Orleans, einem Verwandten von Queen und gespielt von Bokeem Woodbine, als hätte er jede Pein in Stolz und jede Niederlage in einen Sieg verwandelt. Onkel Earl ist der Zuhälter einiger Frauen, die ihrerseits alle Pein und alle ihre Niederlagen trotzig und unzerbrochen tragen. Von ihnen bekommen Queen und Slim neue Kleider, die an ihnen wie eine Verkleidung aussehen: ein dunkelroter Trainingsanzug aus Nikkistoff für Slim, ein enges Minikleid in Tigermuster mit Schlangenlederstiefeln für Queen.

          „Queen & Slim“ ist der erste abendfüllende Spielfilm von Melina Matsoukas, die als Regisseurin von Musikvideos, etwa für Beyoncé, längst einen Namen hat. Sie inszeniert butterweiche und knallharte Szenen in rhythmischer Folge, hält die Spannung mit fast ununterbrochen bewegter Kamera, findet dennoch immer wieder Ruhe und bleibt unsentimental, obwohl die Geschichte letztlich zum Heulen ist.

          Queen und Slim werden Helden, wie Bonnie und Clyde es waren, aber aus anderen Gründen. Sie rauben keine Banken aus, und es hat sie auch nicht wirklich gegeben. Wie diese beiden aber stehen sie für Freiheit und Liebe und Selbstbehauptung und Revolte und stehen dafür ein mit allem, was Menschen haben, ihrem Körper, ihrem Verstand, ihren Gefühlen, ihrer Angst und ihrer Lust. Der Blick, mit dem dieser Film auf sie sieht, ist dezidiert kein weißer. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Wer das begreifen will, muss hingehen und schauen.

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