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Queen & Slim : Wir rauben keine Banken aus!

Anders als bei den meisten Fluchtgeschichten, die aus der Gegenüberstellung ihre Spannung beziehen, sehen wir die Verfolger lange nicht. Es gibt nur eine Geschichte, um die es hier geht, nicht noch eine, die parallel zu ihr verläuft. Wie alle Roadmovies zelebriert auch dieses das Unterwegssein, die Freiheit, die es bedeutet, ungebunden durchs Land zu ziehen, das Glück, das darin liegt, die Begegnungen, die es den beiden schenkt. Allerdings liegen für die schwarzen Amerikaner Freiheit und Tod historisch nah beieinander, und diese Nähe des Todes ist den Fliehenden klar und allen, denen mit denen sie in Kontakt kommen. Aber wie glücklich sind sie auf der Straße, wie vollkommen lebendig! Einmal halten sie nachts an einer Bar, um zu tanzen, und zum ersten Mal sagt Queen etwas, das ihre Verletzlichkeit offenbart, und Slim findet die richtige Antwort. Ein anderes Mal parken sie an einer Pferdekoppel, und Slim klettert auf einen Gaul und reitet ein Stück. „Nichts erschreckt einen weißen Mann mehr als ein schwarzer Mann auf einem Pferd“, sagt Queen, und der Besitzer der Koppel beweist, dass sie recht hat, während Queen und Slim ihn nicht wirklich ernst nehmen.

Ein neues Kino entsteht

Ebenso wie um die Bewegung und das Unterwegssein geht es aber in diesem Film auch um die Orte, an denen die beiden Halt machen, Unterschlupf finden, einen Augenblick der Ruhe, Solidarität. Tausende von Kilometern sind Queen und Slim unterwegs, und sie verändern sich, je weiter sie nach Süden kommen und je näher sie einander kennenlernen, notgedrungen aufeinander angewiesen und mehr und mehr ineinander verliebt. Die Menschen und Situationen, denen sie begegnen, sind dem Film mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Sie bilden fast eine Art zeitgenössische Underground Railroad, ein Netzwerk von Fluchthelfern, angefangen mit Onkel Earl in New Orleans, einem Verwandten von Queen und gespielt von Bokeem Woodbine, als hätte er jede Pein in Stolz und jede Niederlage in einen Sieg verwandelt. Onkel Earl ist der Zuhälter einiger Frauen, die ihrerseits alle Pein und alle ihre Niederlagen trotzig und unzerbrochen tragen. Von ihnen bekommen Queen und Slim neue Kleider, die an ihnen wie eine Verkleidung aussehen: ein dunkelroter Trainingsanzug aus Nikkistoff für Slim, ein enges Minikleid in Tigermuster mit Schlangenlederstiefeln für Queen.

„Queen & Slim“ ist der erste abendfüllende Spielfilm von Melina Matsoukas, die als Regisseurin von Musikvideos, etwa für Beyoncé, längst einen Namen hat. Sie inszeniert butterweiche und knallharte Szenen in rhythmischer Folge, hält die Spannung mit fast ununterbrochen bewegter Kamera, findet dennoch immer wieder Ruhe und bleibt unsentimental, obwohl die Geschichte letztlich zum Heulen ist.

Queen und Slim werden Helden, wie Bonnie und Clyde es waren, aber aus anderen Gründen. Sie rauben keine Banken aus, und es hat sie auch nicht wirklich gegeben. Wie diese beiden aber stehen sie für Freiheit und Liebe und Selbstbehauptung und Revolte und stehen dafür ein mit allem, was Menschen haben, ihrem Körper, ihrem Verstand, ihren Gefühlen, ihrer Angst und ihrer Lust. Der Blick, mit dem dieser Film auf sie sieht, ist dezidiert kein weißer. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Wer das begreifen will, muss hingehen und schauen.

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