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Video-Filmkritik : Risikobereitschaft zeigt hier nur eine

Bild: dpa

Penibler Couturier begegnet der Kellnerin eines Landgasthofs: „Der seidene Faden“ zeigt mit Daniel Day-Lewis einen Star, der zu Recht beschlossen hat aufzuhören – und mit Vicky Krieps eine sensationelle Entdeckung.

          4 Min.

          Eine Stecknadel zwischen den Lippen, zerstochene Fingerkuppen, zeichnend mit sehr schlechter Laune am Morgen – werden wir Daniel Day-Lewis so in Erinnerung behalten? Als Schneider und Modemacher in den muffigen Fünfzigern in London, der seine Muse in Altrosa verpackt und „chic“ für eine vulgäre Abweichung im Modegeschäft hält?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vermutlich nicht. Vermutlich wird „Phantom Thread“ von Paul Thomas Anderson, der in den deutschen Kinos am Donnerstag unter dem Titel „Der seidene Faden“ anlaufen wird, mit der Zeit verblassen wie die Anemonen, die in den zahlreichen Vasen des Wohn- und Atelierhauses, in dem dieser Film vornehmlich spielt, jenen Zustand eleganten Verfalls erreicht haben, in dem sie erst ihre wahre Schönheit offenbaren. Und erinnern werden wir uns an Daniel Day-Lewis, der angekündigt hat, jetzt mit dem Schauspielen Schluss zu machen, wie er mit unvergleichlicher Grazie und Energie durch die Wälder rannte, damals, 1992, in dem besten seiner Filme, in Michael Manns „Letztem Mohikaner“.

          Zwar blitzt in seinem nunmehr letzten Film sehr oft noch das einst unwiderstehlich jungenhafte Lächeln auf, mit dem er damals Madeleine Stowe gewann. Doch heute wirkt es, als friere es sofort in seinem Gesicht fest, und in der gebeugten Haltung, die er jetzt meistens einnimmt, ist kaum noch etwas zu ahnen von der Spannkraft, von der Körperlichkeit seines Spiels, in dem damals noch eine Lust ausbrach, die nicht zur Rolle, sondern ganz allein dem Darsteller gehörte – die Lust am eigenen Können, am eigenen Körper und an der eigenen Attraktivität.

          Die prekärste Mahlzeit im Hause Woodcock

          Mit dem Älterwerden hat das nichts zu tun. Aber mit der Methode. Längst hat the method (acting) über Daniel Day-Lewis und sein riesiges Talent gesiegt. Das ist das Traurigste, was sich über diesen Film sagen lässt, der mit so großer Sorgfalt gearbeitet ist, dass man sich im Zuschauersessel kaum zu rühren wagt, um das geschmackvolle Arrangement nicht zu stören. Ja, die Methode hat den Schauspieler kleingekriegt. Penibel wirkt Day-Lewis inzwischen, restlos und auch beflissen aufgegangen in der Rolle, die er spielt. Das war schon in „Gangs of New York“ so, wo Bill the Butcher wirkte, als käme er aus dem Schmierentheater. Reynolds Woodcock nun im „Seidenen Faden“ ist diskreter, eleganter. Aber er wirkt wie eine Marionette, in Gang gebracht von der sensiblen, detailvernarrten, minutiösen Technik von Day-Lewis. Nur lebendig wird sie nicht.

          Woodcock ist Couturier, ein Junggeselle, der die Damen der besseren Gesellschaft, die er einkleidet, zu verstehen meint, sie umgarnt, ihnen aber auch ein wenig Angst einjagt. Denn Woodcock ist äußerst streng, wenn es um die Erscheinung (auch seine eigene) geht. Die Abläufe. Seine Abläufe. Ein Egomane, ein Genie, was sich daran zeigt, wie rücksichtslos er alle anderen behandelt, wie er sich jeden untertan macht. Auch seine Schwester Cyril, der Lesley Manville den Hauch einer Hitchcock-Figur gibt, eine Ähnlichkeit, die angelegt, aber nicht weiter verfolgt wird. Cyril ist ihrem Bruder in tiefer Ergebenheit verbunden, führt seine Geschäfte und entsorgt seine Geliebten (die mit einem Kleid abgefunden werden), wenn sie beim Frühstück zu laut die Butter auf ihren Toast streichen. Frühstück ist überhaupt die prekärste Mahlzeit im Hause Woodcock. Denn der Meister trinkt Tee und arbeitet, dabei kann er kein Geräusch vertragen. Offenbar sind seine Ideen außerordentlich flüchtig.

          Ohne sie würde der Film noch auf der Leinwand verenden

          Im Hintergrund, unsichtbar, weil lange tot, erhebt sich noch die Mutter der beiden. Woodcock hat eine Locke von ihr in das Futter seiner Lieblingsjacke eingenäht, ein Detail, das der Regisseur zwar einführt, dann aber nicht weiter benutzt. In den Saum des Hochzeitskleids für ein Mitglied der königlichen Familie stickt er den Wunsch „never cursed“ (niemals verflucht). Romantische Gesten, fraglos, von einem Mann, der in der mindestens dreißig Jahre jüngeren osteuropäischen Bedienung eines Landgasthofs eine Frau findet, die es mit ihm aufnehmen kann. Wobei es am Anfang eher nach einer Beziehung in deutlicher Schieflage aussieht.

          Die Luxemburgerin Vicky Krieps spielt diese Alma, und ohne sie würde der Film in all seiner unelastischen Schönheit und all dem gediegenen Ambiente in der Ausstattung, den Kostümen, den erlesenen Bildern, unterlegt mit Streichmusik der keinesfalls verstörenden Art noch auf der Leinwand verenden, bevor er unser Auge und Ohr überhaupt träfe. Vicky Krieps aber ist sensationell. Furchtlos, gerade Day-Lewis, seiner Rolle wie auch dem Darsteller gegenüber, und obwohl Almas Geheimnis, das in einem Pilzomelett versteckt ist, hier nicht gelüftet werden soll, ist doch die Chuzpe, mit der sie sich dem Genie, den Empfindlichkeiten wie dem Getue dieses Mannes widersetzt, von außerordentlicher Risikobereitschaft.

          Vielleicht ist es wirklich an der Zeit aufzuhören

          Vielleicht ist es das, was dem Rest des Films und seiner Crew abgeht. Die Bereitschaft zum Wagnis. Die Neugierde auf die Figuren, auf die Zeit, in der sie agieren, auf die Gesellschaft, die sie anziehen und in der sie blühen, wenn auch nicht mehr für lange. Aber selbst wenn morgens die Näherinnen im Haus Woodcock antreten, ihre Mäntel mit den weißen Kitteln ihrer Zunft vertauschen, die enge Wendeltreppe zum Atelier hinauflaufen und unterwegs Herrn Woodcock einen guten Morgen wünschen, ist das nicht mehr als ein in der Bewegung harmonisch inszeniertes Aperçu in der Geschichte eines Mannes, dessen Zeit demnächst vorbei sein wird, der aber immer noch so tut, als wäre es anders. Was daraus hätte werden können, zeigt die Sache mit dem Pilzomelett. Da geht es vorübergehend dann doch ans Eingemachte, und man wünschte sich, nachdem Hitchcock schon nicht zum Zuge kam, hätte hier Chabrol seine Finger im Spiel.

          Vielleicht ist es an der Zeit für ihn aufzuhören, wie Daniel Day-Lewis es hat bekanntgeben lassen. Doch Woodcock ist eine merkwürdige Abschiedsrolle. Totale Immersion in eine Figur, die so, wie sie in Gestalt eines der wandlungsfähigsten Darstellers seiner Generation vor uns tritt, deutlich weniger Interesse weckt als die anderen vermeintlich großen Männer, die Paul Thomas Anderson bisher porträtiert hat, den charismatischen Sektenführer etwa in „The Master“ oder auch den Öltycoon Daniel Plainview in „There Will Be Blood“, den ebenfalls Daniel Day-Lewis spielte. Für diese Rolle gewann er 2007 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Es war sein zweiter. Ein dritter folgte 2013 für „Lincoln“, und nun ist er erneut nominiert. Ein Abschiedsgeschenk?

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