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Roehlers Film über Fassbinder : Ein Teufel, ein Ekel, ein Genie

Bild: BavariaFilmproduktion; Weltkino Filmverleih GmbH

Rainer Werner Fassbinder ist ein Mythos des deutschen Kinos. Oskar Roehlers Film „Enfant terrible“ stellt ihn vom Kopf auf die Füße. Er zeigt einen Regisseur, der seine Schauspieler skrupellos ausbeutete – und berühmt machte.

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          In einer Ausstellung zu seinem siebzigsten Geburtstag, die vor fünf Jahren in Frankfurt und Berlin zu sehen war, hing Rainer Werner Fassbinders Rennrad an einer Wand. Es war das Rad, mit dem er während der Dreharbeiten zu „Berlin Alexanderplatz“ im Frühjahr 1980 an den Set in den Bavaria-Filmstudios gefahren war, ein silbernes Gefährt mit Bogenlenker und einundzwanzig Gängen, das er auf den Namen „Franzl II“ getauft hatte. Es wirkte nicht wie das Rad eines übergewichtigen Mannes, der zwei Jahre später in seiner Schwabinger Wohnung an Herzstillstand sterben sollte, ausgelöst durch eine Kombination von Kokain, Schlaftabletten und Alkohol.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer hinter den Mythos des Filmregisseurs und Dramatikers Fassbinder zu blicken versucht, stößt überall auf solche Widersprüche. Das hat auch mit den Umständen zu tun, unter denen Fassbinders Lebenswerk, vierzig Filme und Fernsehserien und ein Dutzend Theaterstücke, zwischen 1966 und 1982 entstand. Fassbinder produzierte schneller, als seine Kritiker Verrisse und seine Fans Lobeshymnen schreiben konnten, er war dem Ruhm wie dem Ruin immer eine Nasenlänge voraus. Dieses Tempo machte ihn notwendig zum Chamäleon. Fassbinders Kino ist von abrupten künstlerischen Richtungswechseln geprägt. Seine späten Filme sehen wie eine Zurücknahme der früheren aus; „Lili Marleen“ ist ein Widerruf von „Effi Briest“, das Dunkel von „Berlin Alexanderplatz“ verneint die Helligkeit von „Liebe ist kälter als der Tod“.

          Bankräuber, Zuhälter, Prostituierte und einsame Greisinnen

          Jeder Versuch, dieses filmische Labyrinth und die Biographie, die es ermöglichte, in einen einzigen Spielfilm zu packen, muss scheitern. Deshalb hat Oskar Roehler ihn auch gar nicht unternommen. Stattdessen hat er sich auf einen einzigen Aspekt von Fassbinders Karriere konzentriert. Dieser Aspekt ist Fassbinders Verhältnis zur Welt, genauer gesagt: zu den Menschen, die ihn umgaben.

          Es geht in „Enfant terrible“ also weder um die Qualität noch um die Entwicklungslogik von Fassbinders Werk. Es geht auch nicht um seine Wirkung, sein Bild in der Nachwelt, sein Vermächtnis. Es geht allein um die Person, die es hervorbrachte, gemeinsam mit anderen und meistens auf ihre Kosten. Eben darin ist Roehlers Film seinem Gegenstand angemessen, denn auch Fassbinder hat sich im Kino nicht für große Männer oder Frauen interessiert. Er hat keine Dichter und Denker auf die Leinwand gebracht, sondern Bankräuber, Zuhälter, Prostituierte, Sträflinge, sadistische Spießer, einsame Greisinnen und verzweifelte Gemüsehändler.

          Gipfeltreffen: Alexander Scheer (links) als Andy Warhol und Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder
          Gipfeltreffen: Alexander Scheer (links) als Andy Warhol und Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder : Bild: dpa

          Fassbinders Berühmtheit, die Weltgeltung, die er seit Mitte der siebziger Jahre genoss, spielt deshalb in „Enfant terrible“ keine Rolle, sie spiegelt sich nur in beiläufigen Grotesken wie der Szene, in der ein Lederknabe, der den Regisseur gerade in einem Schwulenklub in Manhattan oral befriedigt hat, ihn um ein Autogramm bittet. Das Festival in Cannes, auf dem Fassbinder seinen Durchbruch erlebte, wird dagegen zur Bühne privater Tragödien: Als er mit „Angst essen Seele auf“ an der Croisette zu Gast ist, löst sein Hauptdarsteller und Liebhaber El Hedi ben Salem eine Schlägerei aus; als er vier Jahre später mit der „Ehe der Maria Braun“ wiederkehrt, erhält er die Nachricht vom Selbstmord seines Geliebten Armin Meier. Die Rechnung, die der Film aufmacht, ist unerbittlich: Alles, was sein Held an Reichtum und Ansehen gewinnt, ist mit Blut und Tränen, mit verletzten Seelen und Menschenleben bezahlt; zuletzt mit seinem eigenen.

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