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„Ocean’s Eight“ im Kino : Wir sind überall, ihr habt es nur noch nicht gemerkt

Eigenschaften, die beim Mann aus Konkurrenzgründen verkümmert sind

Sind Frauen anders kriminell als Männer? Weniger ausgekocht, leidenschaftlicher (es geht in „Ocean’s Eight“ auch um Rache)? Der Film montiert einmal diverse, von famosen Männerpinseln und -meißeln hinterlassene berühmte Weiblichkeitsdarstellungen aneinander, bei denen auffällt, dass alle diese Kindfrauen, Odalisken und Halbgöttinnen ihr Dargestelltwerden zu genießen scheinen. Das Auf-den-Sockel-Stellen oder In-den-Rahmen-Malen jener Leiber und Gesichter projiziert Eigenschaften, die beim Mann traditionell aus Konkurrenz- und anderen Selbstbehauptungsgründen verkümmert sind, aufs ästhetisch konstruierte Geschlechtergegenüber, um sie zu bewundern.

Diese Bewunderung der sozial eigentlich Benachteiligten durch Bevorrechtigte hat als Kehrseite bekanntlich den Neid: Der Plantagenbesitzer misstraut dem Feldsklaven, weil der beim Schuften so fröhlich singt, der kleine Angestellte missgönnt dem Arbeitslosen den täglichen Suff. Mit der diesem Schema kongruenten Dynamik zwischen Frauenlob und Frauengeringschätzung spielt „Ocean’s Eight“ in einer Zwielichtzone, die sich, weil in ihr selbst Glamourkatzen grau sind, für nichts so gut eignet wie für einen Krimi.

Die Frau trägt ein Diamantencollier: Sarah Paulson, Sandra Bullock und Rihanna in „Ocean’s Eight“

Das in diesen Dämmer eingenähte Bedürfnis des Mannes, Frauen als freie, nämlich der männlichen Selbstdressur enthobene Menschen heimlich oder offen anbeten und aber auch fürchten sowie beneiden zu dürfen, verwandelt die Tatsache, dass bei „Ocean’s 8“ ein Mann Regie geführt hat, nämlich der relaxte Gary Ross (der zusammen mit Olivia Milch auch das Drehbuch verantwortet), in ein utopisches Blinzeln des vieldiskutierten „männlichen Blicks“, der im Filmfinale schließlich eine Regisseurin anstaunen darf (nämlich Anne Hathaway, die in „Ocean’s Eight“ ehrfurchtgebietenderweise vor allem lächelt wie die Sau; analog dem alten Beckett-Einfall, ein heimlich rebellischer Koffersklave müsse Koffer schleppen „wie ein Schwein“).

Man sieht uns nicht, wissen die Heldinnen dieser Veranstaltung, also kann man uns nicht schnappen. Winzblitzlichtlein weiblicher Prominenz unterstreichen die Parole „Wir sind überall, ihr habt es nur noch nicht gemerkt“, von Judge Judy bis Katie Holmes, Serena Williams bis Heidi Klum. Die Einrichtung des Raums, den diese Lichter erhellen, passt bestens dazu, vom opulenten Bühnenbild bis zur Musiktapete („Lara’s Theme“ aus „Doktor Schiwago“ in Easy-Listening-Version, eine Fuge, etwas Jazz und Samba, „These Boots are Made for Walking“ sowohl im Nancy-Sinatra-Original wie in der Nick-West-Fassung featuring Merenia).

Konzeptoverkill also? Eine Kopfgeburt? Affirmative action? Einmal schlägt ein alter Gangster der risikowilligen Debbie vor, sie solle sich doch damit begnügen, dass sie weiß, ihr Plan könnte theoretisch funktionieren. Typisch Mann: Wenn das Rezept sich reimt, muss der Fraß nicht mehr schmecken (so spielen sie ja auch Fußball, wenn ihnen irgendein Irrer elende Unglückswörter wie „Strategie“ und „Taktik“ beigebracht hat).

Zwei Beispielsätze aus dem Genderlesebuch: 1. „Der Mann trägt die Beute davon.“ 2. „Die Frau trägt ein Diamantencollier.“ Das Verb ist dasselbe; der Unterschied aber misst die Flügelspannweite der Menschenseele.

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