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Video-Filmkritik : Vom Endspiel der Herzen

Bild: Weltkino

Wenn Schönheit zum Mittel der Erkenntnis wird: Nuri Bilge Ceylans Film „Winterschlaf“ wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Nicht immer bedeutet das auch großes Kino. In diesem Fall aber gewiss.

          3 Min.

          Es gibt Filme, in denen man kaum zum Atemholen kommt, so schnell, so laut, so übermächtig ist alles, was man sieht. Und es gibt Filme, die das Herz höher schlagen lassen durch die Schönheit ihrer Bilder, die Ruhe ihres Blicks, die Intensität ihrer Trauer. Nuri Bilge Ceylans „Winterschlaf“ ist so ein Film.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ceylan hat, bevor er Regisseur wurde, als Fotograf gearbeitet, und er stand auch selbst schon - in seinem Film „Jahreszeiten“ - vor der Kamera. Alle drei Talente fließen in „Winterschlaf“ zusammen. Es geht um Aydin, einen alternden Schauspieler, der in der türkischen Provinz an einer Geschichte des Theaters arbeitet und nebenbei für eine Regionalzeitung schreibt. Aydin ist der Nabob der Gegend, er hat ein Hotel in der Nähe der Höhlenstädte Kappadokiens geerbt, das im Sommer brummt. Aber jetzt ist Winter.

          Junge Ehefrau und frisch geschiedene Schwester

          Um Aydin herum sortieren sich, wie auf einem Gruppenbild, die Menschen, die von ihm abhängig sind. Seine junge, schöne Frau Nihal. Seine frisch geschiedene Schwester Necla. Sein Fahrer Hidayet, der für ihn die Drecksarbeit erledigt. Das Brüderpaar Hamdi und Ismail, das in einem von Aydins Häusern im nahe gelegenen Dorf wohnt. Ismail, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden ist, kann die Miete nicht bezahlen, weshalb ihm Aydin den Gerichtsvollzieher auf den Hals geschickt hat. Aus Rache wirft Ismails kleiner Sohn einen Stein durch die Scheibe des Jeeps, in dem Hidayet und sein Herr durch die Landschaft fahren. Mit diesem Steinwurf beginnt die Geschichte.

          „Winterschlaf“ ist ein Dreistundenfilm. Man muss Zeit mitbringen, und man bekommt Zeit geschenkt. In dieser Zeit lernt man die drei Hauptpersonen auf eine Weise kennen, wie man sonst nur gute Freunde kennt (und oft nicht einmal sie). Man blickt so tief in ihre Illusionen, ihre Träume, ihre Lebenslügen, dass man am Ende nicht weiß, ob man sie hassen oder lieben soll. In die Sehnsucht Nihals nach einem erfüllten Dasein an der Seite Aydins, eine Sehnsucht, die in dem Hotel in Kappadokien zerbrochen und abgestorben ist. In die Verbitterung Neclas, die sich seit der Scheidung von ihrem Mann, einem Säufer, verzweifelt nach ihm sehnt. Und in die Resignation des alten Mimen, der sich nach dem Scheitern seiner Karriere mit moralisierenden Artikelchen und einem privaten Buchprojekt die Zeit vertreibt. Sie quälen sich, die drei, mit Worten und Taten, mit Gesten und Blicken. Und sie träumen von Istanbul, von einem anderen Leben, für das der Zug für alle drei längst abgefahren ist.

          Selbstgerechtigkeit, Herrschsucht und Arroganz

          In ersten Kritiken aus Cannes, wo der Film die Goldene Palme gewonnen hat, hieß es, in „Winterschlaf“ werde viel und über alles Mögliche philosophiert. Das klingt nach zerstreutem Herumgerede; dabei geht es bei Ceylan um etwas sehr Präzises. Aydin und die beiden Frauen streiten sich darüber, ob man sich gegen das Böse wehren oder ihm freien Lauf lassen soll, damit es an seinem eigenen Widerspruch zerbricht. Eine Dostojewskij-Frage in einer Tschechow-Konstellation. Die Frauen sind für gleichmütiges Dulden, Aydin hält dagegen. Er erkennt nicht, wie tief das Böse schon in sein eigenes Leben eingedrungen ist, in Form von Selbstgerechtigkeit, Herrschsucht und Arroganz der Macht. Als Nihal in seinem Hotel ein Wohlfahrtskomitee zusammenruft, das sie zur Unterstützung der Dorfschulen gegründet hat, poltert er durch den Saal wie ein beleidigter Hausvater. So verspielt er den Rest an Zuneigung, der seine Ehe noch zusammengehalten hat.

          Aber dies ist keine Geschichte aus Worten, sondern eine aus Bildern. Jedes davon ist mit äußerster Sorgfalt komponiert, und manche möchte man festhalten, damit sie nie mehr verschwinden. Etwa den Moment, in dem Aydin am Fenster steht, während er mit Nihal redet, und in dem Spiegel neben seinem Kopf erscheint ihr Gesicht. Oder die Szene, in der man sieht, wie ein halbwildes Pferd gefangen wird: Der Züchter reißt es an einer Schlinge in einen Wassergraben und lässt es darin zappeln, bevor er das völlig erschöpfte Tier ans Ufer zieht. Schönheit ist ja keine Zugabe im Kino, sondern ein Mittel der Erkenntnis. Auch die Schönheit der Qual.

          Das ist großes Kino

          Die Provinz Kappadokien ist für ihre unterirdischen Städte berühmt, in denen die Bewohner die Angriffe der Perser, Araber und Türken überstanden. Heute streifen Touristen durch die Kavernen. In „Winterschlaf“ muss man keine der Höhlen sehen, um ihre Anwesenheit in der Geschichte zu spüren. Überall ist der Tuffstein von Türen und Fenstern durchlöchert, das Hotel selbst hat Wurzeln im Fels. Das Bild der menschlichen Seele, die die Narben der Zeit in sich trägt, ist dieser Landschaft eingeprägt, man muss es nicht umständlich beschwören. Es schwingt mit, wie der Tod im Schlaf.

          Man kann, wie gesagt, an Tschechow und Dostojewskij denken in „Winterschlaf“, an Molière und Shakespeare und Thomas Bernhard, an Ingmar Bergman und Tarkowski oder an die früheren Filme von Nuri Bilge Ceylan. Man kann sich aber auch einfach dem Rhythmus der Bilder überlassen. Ihrer Bewegung folgen, ihren Traum mitträumen. Es gibt nichts Größeres im Kino.

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