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Video-Filmkritik „Nur eine Frau“ : Drohungen der Brüder im Minutentakt

Bild: NFP

Erschossen vom Bruder, 2005 in Berlin, weil sie anders leben wollte als ihre Familie: Sherry Hormann lässt Hatun Sürücü ihre eigene Geschichte erzählen. „Nur eine Frau“ ist ein Denkmal für eine Ermordete.

          Zum Beat ihres Lieblingssongs läuft eine junge Frau mit Kopfhörern über dem Hijab durch Berlin-Kreuzberg. „Das bin ich“, sagt eine Stimme aus dem Off, und das heißt hier: aus dem Jenseits. „Das bin ich“, spricht sie wieder, als Filmaufnahmen einer abgedeckten Leiche auf einem Gehweg die Leinwand füllen: Da liegt Hatun Sürücü, die sich von allen Aynur rufen ließ, erschossen von ihrem jüngsten Bruder, 2005 in Berlin, weil sie anders leben wollte als ihre Familie.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Ich war ein Ehrenmord. Der erste, der richtig fett Presse hatte“, erzählt die Stimme weiter und ruft vielleicht Erinnerungen wach an das öffentliche Entsetzen über das Verbrechen und die scharfe Kritik am Verlauf der darauf folgenden Gerichtsprozesse in Deutschland und in der Türkei, an deren Ende ein mildes Urteil und viele Freisprüche standen und in denen die Familie im Ganzen nicht als treibende Kraft hinter der Bluttat identifiziert wurde. Aber darum geht es zunächst nicht. Aynur, verkörpert von Almila Bagriacik, will, dass wir ihr zuhören, wie sie ihre eigene Geschichte erzählt. Von einem Ausbruch aus einem familiären Gefüge, in der überkommene Regeln bis zur Unmenschlichkeit verhärtet sind, Ehrbegriffe grausam pervertiert werden und religiöser Fundamentalismus zur Legitimation all dessen dient.

          Sandra Maischberger steht als Produzentin hinter dem Spielfilm „Nur eine Frau“. Auf Basis von Prozessakten, Recherchen im Umfeld der Ermordeten sowie Gesprächen unter anderem mit der bis heute im Zeugenschutzprogramm lebenden Kronzeugin entstanden, erhebt er auch dokumentarischen Anspruch. Seine Regisseurin Sherry Hormann hat schon einmal die Filmbiographie einer Frau inszeniert, die aus einer von archaischen Vorstellungen geprägten Gesellschaft flieht, in der sie seelische und körperliche Grausamkeit erlitten hat. In „Wüstenblume“ ist die einst Entrechtete am Ende ein Star – in „Nur eine Frau“ kehrt Hatun Aynur Sürücü, das Mädchen von nebenan, dessen Gesicht ausgelöscht werden sollte, als ungebrochene Heldin zurück. Dieser Film setzt ihr ein Denkmal. Und so ist dann auch der einzig kritikwürdige Punkt, den man an Akmila Bagriaciks souveräner Charakterisierung der Hauptfigur finden könnte, dass diese eine Spur zu unkaputtbar, zu cool, zu lebensfroh rüberkommt, selbst dann noch, wenn die Anrufe mit Morddrohungen der Brüder im Minutentakt auf dem Handy eingehen.

          Falls der Bräutigam versagt

          Aber vielleicht war das ja so. Mit der Familie brechen wollte Aynur nie, zu lange hoffte sie auf eine Versöhnung und schaltete die Polizei nicht ein. „Das ist Nuri“, sagt Aynur, und wir blicken auf ihren jüngsten Bruder (Rauand Taleb), der neben den anderen männlichen Sürücüs beim türkischen Barbier posiert, wo Klingen an Kehlen kratzen und Flammen Flaum wegsengen. „Er wird mich erschießen.“

          Alles beginnt im Mai 1998, als die Familie den Ring um Aynur schmiedet, den zu sprengen ihr Todesurteil bedeuten soll. Das Mädchen muss nach der achten Gymnasialklasse die Schule verlassen und wird in Istanbul zwangsverheiratet. Sherry Hormann schwelgt in Bildern voller Unschuldsweiß und Blutrot; später treten kraftvolles Grün, die Farbe des Islam, und Schwarz, die Nichtfarbe des Todes hinzu (Bildgestaltung Judith Kaufmann). Während die Männer tanzen und die Mutter der Tochter eine Rasierklinge zusteckt, mit der sie sich in der Brautnacht, falls der Bräutigam versage, in den Finger ritzen könne, um den Verlust der Jungfräulichkeit zu simulieren, liefert Aynur Erklärungen von außerhalb.

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