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Video-Filmkritik „Nur eine Frau“ : Drohungen der Brüder im Minutentakt

In den Augen ihrer Mörder todeswürdig

Dass der Film, wie Sandra Maischberger sagt, ein junges Publikum erreichen will, auch an Schulen gezeigt werden und eine Debatte über Werte, Verantwortung und Integration anstoßen soll, motiviert wohl eine gewisse Lehrhaftigkeit. Die Erzählerin ist in der Szene und schwebt allwissend über ihr. Wir verfolgen aus ihrem Blickwinkel das Geschehen und sehen doch mehr, als sie sehen konnte. Rhythmisch unterbrochen wird der Erzählfluss von Fotosequenzen und dokumentarischem Material (Schnitt: Bettina Böhler). Doch dieses von dem Drehbuchautor Florian Oeller geschriebene epische Theater schafft perspektivische Probleme, wenn es das Leben der Männer in der Familie auf die Bühne bringt, deren Sphäre streng von denen der Mädchen und Frauen geschieden sind. Gnadenlos setzt die Regisseurin ins Bild, dass die Brüder und der Vater vor allem in drei Zuständen existieren: betend in der Moschee (wo sie den Einflüsterungen eines radikalen Predigers verfallen), gemeinsam abhängend oder kämpfend – der Jüngste ist besessen vom Boxsport.

Ihre Familie sei nicht wie andere muslimische Familien, erklärt Aynur schlicht, sondern „streng religiös“. Das der sogenannte Ehrenmord – der Begriff an sich ist ein Unding, es gibt nur Mord – als Extremfall sein Fundament in einer weit verbreiteten kulturellen Prägung haben könnte, wird so nur angedeutet. Bei der Hochzeit wechsele die Tochter den „Besitzer“, erfahren wir. Wenn eine Frau mit der Tradition breche, bringe sie „Schande“ über die Familie. Es folgt eine von sechs über den Film verteilten Texteinblendungen, die vom Bundeskriminalamt identifizierte Verhaltensweisen vorstellen, welche von „Ehrenmördern“ als todeswürdig betrachtet wurden. Nummer eins: Die Frau lehnt den von der Familie gewählten Ehemann aus. Nummer zwei: Die Frau hat vor der Ehe ihre Unschuld verloren. In beiden Punkten sei sie safe, sagt Aynur. Aber dann geht es los. Punkt drei: Die Frau beabsichtigt die Trennung.

Was geschehen ist und wieder geschehen kann

Aynurs Mann schlägt sie. Schwanger kehrt sie zurück nach Berlin, stellt sich dem Tribunal am Küchentisch und darf bleiben, weil der Vater Gnade walten lässt. Es folgt ein Martyrium als Geächtete unter acht Geschwistern, von denen sieben mehr oder weniger in der elterlichen Wohnung leben. Alle vier Töchter schlafen – bald mit Neugeborenem – in einem Bett. Aus der Schwester wird die „Hure“, abgeschoben in die Putzkammer, sexuell genötigt. Das heimlich aufgesuchte Amt rettet sie. Als sie in eine Unterkunft für ledige Mütter zieht, sich verliebt und eine Lehre beginnt, wird sie für ihre – bis auf einen – von Hass zerfressenen Brüder zur Vogelfreien. Auf eigenen Füßen stehend, ist sie eine wandelnde Demütigung für die Männer.

Die physische Bedrängnis inszeniert ebenso eindrücklich wie Momente der Befreiung. Als die Heldin das Kopftuch ablegt, umfließt sie Neonlicht. Bemerkenswert ist auch die subtile Einflüsterung, mit der Evin (Lara Aylin Winkler), ein deutsch-türkisches Mädchen aus einer westlich orientierten Familie, als Braut in die Familie gezogen und ihr der Schleier aufgeschwatzt wird. Wer mit wem über was innerhalb der Familie gesprochen hat, so legt der Film offen, wer anstachelte, belohnte, mittat, ist kaum zu rekonstruieren. Aber wir können, legt er nahe, darüber reden, was geschehen ist und wieder geschehen kann, hinschauen und handeln, wenn Frauen Hilfe suchen. Über den Prozess hinaus schaut „Nur eine Frau“ auf den letzten Sieg der Hatun Aynur Sürücü: Ihr Sohn wächst nicht in ihrer Familie auf.

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