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Pierre Richard im Kino : Jeder komische Körper rennt anders

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Als wären die großen Zeiten des Slapstick vorbei

Zu Jacques Tati, der 1967 mit „Playtime“ den Geist der Avantgarde in diese Burlesken brachte, fällt Pierre Richard noch eine Anekdote ein, an der ihm viel liegt: „Ich habe ihn einmal persönlich getroffen, das war nach meinem ersten Film. Es war irgendso ein Cocktail-Empfang, und Tati hätte eigentlich allen Grund zu schlechter Laune gehabt, weil er mit ,Playtime‘ ja so riesige Schwierigkeiten gehabt hatte. Aber er zeigte sich mir gegenüber sehr großzügig und sagte: ,Sie haben eine große Zukunft als Schauspieler, denn Sie verstehen es, mit den Beinen zu arbeiten.‘ Er hat mich ermutigt, meine Körpersprache stärker auszubilden. Alle großen Komiker sprechen ihre eigene Körpersprache: Buster Keaton, Charlie Chaplin, Jerry Lewis. Jeder rennt anders.“

Wer rennt heute noch so, wie Pierre Richard damals gelaufen ist? Es scheint, als wären die großen Zeiten des Slapstick vorerst vorbei oder zumindest, als wäre nicht mehr das Kino das Exerzierfeld für eine Körperkomik, die man damals noch direkt aus den Extremzuständen des Zivilisationsprozesses herleiten konnte. Nicht von ungefähr hat Pierre Richard in entscheidenden Filmen seiner Karriere Leute gespielt, die in einem Reisebüro damit beschäftigt waren, touristische Entlastung für gestresste Zeitgenossen zu organisieren. 1970 bei „Der Zerstreute“ führte er sogar selbst Regie, besonders denkwürdig ist aber auch „Les Naufragés de l’île de la Tortue“ („Die Schiffbrüchigen von der Schildkröteninsel“, 1976, Regie: Jacques Rozier), in dem Richard eine Expedition anführt, die in der Karibik einen Urlaub nach dem Vorbild von Robinson Crusoe erleben soll.

Ein ganzes Land auf Zeitreise

Im Vergleich zu diesen häufig ziemlich anarchischen Filmen von damals herrscht heute ein anderer, verbindlicherer Ton in französischen Komödien. „Monsieur Pierre geht online“ macht da keine Ausnahme. Fast könnte man meinen, dass die Exzesse der Modernität, die damals das durchgehende Thema waren, dazu geführt haben, dass inzwischen eine eher nostalgische Grundstimmung herrscht. Auch im Kino ist Frankreich auf der Suche nach einer Mitte, die zwischen Globalisierung und Provinzialität einen erträumten Urzustand darstellen könnte. „Das geht immer so hin und her“, meint Pierre Richard. „Eine Weile musste alles zubetoniert werden, nun haben alle Freunde ein Landhaus. ,Wie kannst du nur in Paris leben?‘, werde ich immer wieder gefragt. ,Und‘, frage ich sie dann, ,seid ihr da auch im Winter, in eurem Landhaus?‘“

Die Suche nach einer neuen Mitte hat nicht zuletzt die französischen Präsidentschaftswahlen bestimmt. Eine konkrete Ironie, die auch zu dem Thema von „Monsieur Pierre geht online“ passt, ist Pierre Richard dabei nicht entgangen: „Ein ganzes System bricht da gerade zusammen, und was kommt heraus? Der jüngste Präsident der Welt! Mit einer viel älteren Ehefrau.“ Was das für die französische Liebesmythologie bedeutet, kann nicht mehr ausführlich erörtert werden. Da ist wohl gerade ein ganzes Land auf Zeitreise, und Pierre Richard muss das nicht mehr als „Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ oder mit einer „Wolke zwischen den Zähnen“ begleiten. Er kann sich die Sache aus der gelassenen Distanz derer ansehen, die in den Anachronismen einer beschleunigten Gegenwart immer auf die (großen) Füße fallen.

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