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Video-Filmkritik : Beim Tauchen war noch alles wunderschön

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Bild: FAZ.NET

Wenn das Paar zur Familie wird, geht der Liebe leicht die Luft aus: Michael Kreishl macht aus Daniel Glattauers Theaterkomödie „Die Wunderübung“ einen leichten, heiteren, kleinen Kinofilm.

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          Herr und Frau Dorek sind sich in vielerlei Hinsicht nicht einig. Das beginnt schon bei den ganz kleinen Kleingkeiten. Wenn er „Streit“ sagt, sagt sie „Disput“. Er ist Ingenieur, sie ist Historikerin, irgendwann könnten einmal Gegensätze bestanden haben, die anziehend gefunden wurden. Jetzt passt fast nichts mehr. Es hilft nur noch eine Eheberatung. Auf dem Weg zu dem entsprechenden Termin sieht man die Doreks in derselben Straßenbahn, aber sie sitzen nicht beisammen. Welten trennen sie, in diesen Welten erleben junge Menschen ihr Liebesglück. Mit diesem pointiert überzeichneten Bild eröffnet Michael Kreihsl seinen Film „Die Wunderübung“, mit dem er seine eigene Inszenierung des gleichnamigen Theaterstücks des österreichischen Bestsellerautors Daniel Glattauer für das Kino bearbeitet hat.

          Dem Unglück der Doreks erscheint die ganze Stadt wie ein Tummelplatz der Romantik. Dann sitzen sie nebeneinander, mit genügend Sicherheitsabstand, zwischen sich den leeren Raum, den im Hintergrund ein Gemälde dominiert. Moderne Kunst in einer schönen Altbauwohnung, in der ein „Herr Magister“ ordiniert. So wird der Therapeut von Valentin Dorek die ganze Zeit angesprochen.

          Daniel Glattauer wurde 2006 mit dem Roman „Gut gegen Nordwind“ bekannt. Eine Geschichte aus dem Internetzeitalter, eine Zufallsbekanntschaft, die sich in schriftlicher Form entwickelt: Die Dialoge sind Emails, zwei Menschen kommen einander näher, indem sie auf technische Distanz bleiben. Damit traf Glattauer einen Nerv. Für eine Zeit, in der es noch keine Wegwischapplikationen für das Begehren gab, erfand er den Briefroman neu.

          Am Ende sind sie auf sich selbst hereingefallen

          Mit der Theaterkomödie „Die Wunderübung“ wandte Glattauer sich 2014 einer anderen Phase der Paarbeziehung zu: einer Erschöpfungskrise, wenn die Kinder schon fast groß sind und die Muster sich so weit verfestigt haben, dass sie unausweichlich scheinen. Die Doreks vertreten all jene Paare in Österreich oder Deutschland, die eine moderne Beziehung mit der Gründung einer Familie zu vereinen versucht haben. Glattauer findet für den Ursprungsmythos dieser Beziehung ein schönes Bild: Joana und Valentin haben einander bei einem Tauchurlaub kennengelernt. „Unsere Tauchgänge – das war eine Harmonie.“ Auf „tausend Meter unter dem Meeresspiegel“ (der Therapeut übertreibt ein wenig) gab es einmal ein ideales Paar, irgendwann wurde es aber unausweichlich, aufzutauchen. Einen kleinen Witz fügt Glattauer der Sache auch noch bei: „Valentin war der einzige Mann, der in einem Neoprenanzug gut ausgesehen hat“, erklärt Joana. Sie steht dabei schon unter dem Einfluss einer therapeutischen Intervention, die Glattauer vor dem Paar verheimlichen muss, die aber dem Publikum sonnenklar sein muss.

          Denn der Herr Magister ist längst tätig, auch wenn er so tut, als hätte er noch gar nicht angefangen (vielleicht hat er beim Inspektor Columbo etwas abgeschaut, aber der wusste auch viel von Psychologie). Aus dieser therapeutischen Diskrepanz macht Glattauer eine Menge: dass die Doreks ein bisschen die Dummen sein müssen, damit man sich beim Zuschauen schon den einen oder anderen Schritt weiter fühlen darf, und am Ende sind die Doreks auf sich selbst hereingefallen. In einem guten Sinn.

          Ein Veteran der Kleinkunstszene

          Bei so einem Dreipersonenstück hängt natürlich viel von den Schauspielern ab. Aglaia Szyszkowitz hat schon am Theater in der Josefstadt die Joana gegeben, für die Verfilmung kam nun Devid Striesow für die Rolle des Valentin hinzu – das österreichisch-deutsche Darstellerpaar steht auch für die Erweiterung der Zielgruppe auf den gesamten Sprachraum und auf die entsprechenden Filmförderungsstrukturen. Sosehr die beiden Eheleute aber offensichtlich der Gegenstand der Sorge sind in „Die Wunderübung“, so steht und fällt dieses Stück doch vor allem mit dem Herrn Magister.

          Regisseur Michael Kreishl entschied sich bei der Rolle des Therapeuten für einen Veteranen der österreichischen Theater- und Kleinkunstszene: Erwin Steinhauer bringt etwas angenehm Wienerisches in die ganze Sache, und vielleicht gibt es in seinem Spiel sogar Ahnungen davon, dass der ganze Überschmäh dieser „Wunderübung“ unschwer zu durchschauen ist. Aber darum geht es ja nicht. Wer sich über dieses leichte, heitere, kleine Stück intellektuell erheben will, riskiert Einsamkeit und muss vielleicht in Therapie – am besten in die besserer Filme. Die gibt es zweifellos, aber „Die Wunderübung“ schafft es irgendwie ganz gut, da gar nicht erst falsche Ambitionen aufkommen zu lassen. Und so wird aus einer anfänglichen „Kampfbeziehung“ ein kleiner Streitdisput, an dessen Ende eine positive Erkenntnis steht, die im Wienerischen sogar richtig vieldeutig klingt: „Sie haben sich noch.“

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