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Filmkritik „Jean Seberg“ : Zwei, die ohne Worte spielen können

Bild: dpa

„Jean Seberg“ ist mehr als ein Biopic über eine Ikone der Nouvelle Vague: Kristen Stewart glänzt in einem Film, der das Verhältnis von Kino und Aktivismus heute kommentiert.

          3 Min.

          Manchmal wird ein Film aktueller, wenn er verspätet ins Kino kommt. Bei „Jean Seberg – Against All Enemies“ ist das der Fall. Als er vor fast genau einem Jahr beim Filmfestival von Venedig Premiere feierte, ging es für die Zuschauer um die biographische Geschichte der Nouvelle-Vague-Ikone Jean Seberg und die außerordentliche Performance von Kristen Stewart in der Hauptrolle. Doch nur einige Monate mit der Pandemie geschuldeten Kinostartverschiebungen genügen, um den Film noch zeitgemäßer erscheinen zu lassen.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Jean Seberg“ konzentriert sich auf drei Jahre im Leben der mit vierzig unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen Schauspielerin – die drei Jahre, in denen sie, nach europäischen Erfolgen in Jean-Luc Godards „Außer Atem“ und Otto Premingers „Die heilige Johanna“, Hollywood erobern wollte und überdies begann, sich politisch zu engagieren. Als Jean Seberg 1968 nach Amerika zurückkehrt, wird ihre Heimat von Studentenunruhen und Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg erschüttert. Die Schauspielerin engagiert sich für die Black-Panther-Bewegung, radikale schwarze Bürgerrechtler, die (teils bewaffnet) gegen Polizeigewalt und (teils mit dem Geld prominenter Unterstützer wie Marlon Brando, Jane Fonda und eben Jean Seberg) für Schulen und Kinderspeisungen in den Armenvierteln der Großstädte kämpfen.

          Aus Provokation wird echter Kampf: Jean Seberg (Kristen Stewart) mit Black-Panther-Aktivisten
          Aus Provokation wird echter Kampf: Jean Seberg (Kristen Stewart) mit Black-Panther-Aktivisten : Bild: Picture-Alliance

          Der Film beginnt mit der Begegnung zwischen der Schauspielerin und dem Black-Panther-Aktivisten Hakim Jamal in einem Flugzeug. Er ist charmant, sie idealistisch. Auf dem Rollfeld in Los Angeles stellt sie sich spontan zu seinen Mitstreitern und reckt die Faust in die Luft. Die Solidaritätsbekundung wirkt zaghaft, doch Seberg meint es ernst. Sie wird Jamal zu Hause aufsuchen und ihre Hilfe anbieten. Von da an ist sie im Visier des FBI, dessen Direktor J. Edgar Hoover persönlich den Befehl geben wird, ihr das Leben zur Hölle zu machen.

          Eine psychotische Spirale der Paranoia

          Kristen Stewarts Interpretation ist es allein zu verdanken, dass daraus kein plattes Schwarz-Weiß-Drama wird, sondern ein Thriller, in dem sich die Hauptfigur immer weiter in die psychotische Spirale der Paranoia begibt. Gleich zu Beginn sieht man sie in ihrem Schlafzimmer vor einem vielfach geschliffenen Spiegel sitzen, dessen Flächen vier-, fünfmal den Kopf mit den raspelkurzen blonden Pixie-Haaren aus unterschiedlichen Blickwinkeln zurückwerfen. Sie schaut hinein, als frage sie sich selbst, welches dieser Gesichter ihr eigenes ist.

          Seberg im Visier des FBI: Agent Jack Solomon (Jack O’Connell) kommen Zweifel an den eigenen Überwachungsmethoden.
          Seberg im Visier des FBI: Agent Jack Solomon (Jack O’Connell) kommen Zweifel an den eigenen Überwachungsmethoden. : Bild: Prokino

          So facettenreich ist auch das Spiel Stewarts. Ihre Jean Seberg ist kein schwaches Opfer von Staatsintrigen, sondern eine willensstarke Frau, deren Energie die Leinwand zum Strahlen brachte, aber auch ihre Angst befeuerte. In einem giftgrünen Negligé, das ihrer Haut schon den Ophelia-Ton des im Film nicht mehr gezeigten Endes gibt, nimmt sie auf dem Höhepunkt des Verfolgungswahns ihre Wohnung auseinander und sucht in den Trümmern nach Abhöreinrichtungen. Derart gründlich und verzweifelt wurde ein Zimmer zuletzt von Gene Hackman in Francis Ford Coppolas Spionagethriller „Der Dialog“ (1974) dekonstruiert.

          Seberg wie ihre Interpretin Stewart haben gemein, dass sie auch spielen können, wenn das Drehbuch ihnen kein einziges Wort gibt. Regisseur Benedict Andrews lässt Stewart daher durch eine stilvolle Villa schlendern, auf dem Sofa ein Drehbuch lesen, sich einen Whisky einschenken und mit dem Glas am Pool stehen, ohne dass sie etwas sagt; und dennoch drückt sich in ihrer Mimik, den angespannten Nackenmuskeln, den Fingern ums Glas die Last aus, die auf dieser Person liegt. Wenn eine Schauspielerin eine andere Schauspielerin spielen muss, gelingt es nicht oft, dass sie komplett im Spiel verschwindet. Für Stewart ist die Seberg eine Herausforderung, wie sie sie seit den Auftritten in Olivier Assayas’ „Personal Shopper“ (2016) und „Die Wolken von Sils Maria“ (2014) nicht mehr hatte.

          Für Dorothy Jamal (Zazier Beetz) ist die Schauspielerin nur eine Aktivismustouristin mit großem Geldbeutel.
          Für Dorothy Jamal (Zazier Beetz) ist die Schauspielerin nur eine Aktivismustouristin mit großem Geldbeutel. : Bild: Prokino

          Über dem, was sie daraus macht, müssen die anderen großen Namen dieses Films zu Nebendarstellern werden. Vince Vaughn spielt einen zynischen und Jack O’Connell einen moralisch zwiegespaltenen FBI-Agenten, „The Leftovers“-Star Margaret Qualley dessen ambitionierte Ehefrau, die gegen das spießige Rollenbild, das ihr aufgedrängt wird, rebelliert. Zazie Beetz, die zuletzt Joaquin Phoenix im „Joker“ kurz die Show stehlen durfte, gibt die Black-Panther-Ehefrau, die Seberg als Aktivismustouristin verhöhnt und später auch ein Opfer der Schmierenkampagne des FBI gegen die Schauspielerin wird.

          Es sind diese vielen Figuren, die auf das größere Gesellschaftsbild verweisen, die zeigen, wie eine staatliche Institution Angst schüren, mit illegalen Mitteln Bürger überwachen und Existenzen zerstören kann. Zugleich zeigt der Film, was gesellschaftliches Engagement ausmacht. Wo es Hollywood-Stars heute genügt, das Instagram-Profilbild schwarz zu stellen oder einen Hashtag zu verbreiten, war Engagement damals mit dem Risiko verbunden, sein Leben zu riskieren. „Jean Seberg“ liefert ein interessantes historisches Puzzleteil, das die Ursachen offenlegt, die auch zu den derzeitigen Unruhen nach dem Tod George Floyds in Amerika führten. Das macht den Film besonders sehenswert.

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