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Video-Filmkritik : Zwei ist mehr als eine Zahl

Bild: dpa

Was haben Kettenbrüche, Kolonialismus und Liebe miteinander zu tun? Matthew Browns Film „Die Poesie des Unendlichen“ über den Mathematiker Srinivasa Ramanujan weiß es.

          Jeremy Irons lächelt bewölkt wie ein englischer Frühling. Er spielt den Mathematiker G. H. Hardy und drückt sich deshalb präzise aus: in „matters of the heart“ sei er unzuständig, Liebesangelegenheiten lägen ihm nicht. Damit wehrt er einen Segen ab, den sein Meisterschüler Srinivasa Ramanujan, gespielt von Dev Patel, ihm schenkt, in einer Szene, in der dieser geniale junge Mann seinen Lehrer trösten will, jeder Fürsorge entwachsen und auf dem Weg nach Hause, weil dort, in Indien, Ramanujans Frau wartet: Meister, auch Sie sollen Liebe finden. Das Gesicht des Älteren, ganz feinste, ironische Entsagung, verrät dem Publikum, was der Schüler nicht ahnt: Der Mentor hat die Liebe, die jener ihm wünscht, schon gefunden, verliert sie aber in diesem stillen, hintergründigen Moment gerade.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob der wirkliche Hardy den tatsächlichen Ramanujan geliebt hat, weiß man nicht, und die Wissenschaftsgeschichte, für die beider historische Begegnung am Trinity College, Cambridge, im Jahr 1914 zu den leuchtenden Glücksfällen der Weltvernunft gehört, geht derlei auch nichts an. Die Kunst aber interessiert sich brennend für verborgene Leidenschaften in den Adern der kühlsten, weltentrücktesten Weisheit, weshalb es ein Glück ist, dass der Regisseur Matthew Brown sich dieser Leidenschaft in „Die Poesie des Unendlichen“ nicht nur bei der Abschiedsszene zwischen Patel und Irons mit Umsicht und Bedacht nähert. Von einem, der so klug vorgeht, lässt man sich gern etwas erzählen, das selten vorkommt und nicht leicht zu erzählen ist.

          Herablassung als Ermutigung

          Dass ein Mann einen Mann liebt oder eine Frau eine Frau, kommt ihm Kino statistisch seltener vor als die Liebe zwischen Mann und Frau, ist aber wiederum doch häufiger als der Fall, dass ein reiner Intellekt einen andern mit einer Intensität liebt, die das Wort „platonisch“ unterschätzen muss. Man kann so eine Geistesliebe schlecht dramatisieren, deshalb konzentriert sich „Die Poesie des Unendlichen“ zunächst auf eine Geschichte, die auch in Sportlerkreisen spielen könnte: Außenseitertalent erobert sich gegen Widerstände seinen Platz in der Welt.

          Srinivasa Ramanujan gehört bis heute zu den Giganten seiner Disziplin. Man hat ihn mit Jahrtausendköpfen wie Leonhard Euler verglichen; seine Überlegungen zu Kettenbrüchen, seine Erkundungen unendlicher Zahlenreihen sind von staunenswerter Eleganz und entlockten dem nicht zur Rührseligkeit neigenden Hardy Seufzer wie: „Diese Ergebnisse müssen wahr sein, denn niemand hätte die Phantasie, sich so etwas nur auszudenken.“

          Ramanujan wuchs in kolonisierter indischer Rückständigkeit auf, Kastengesellschaft wie britische Herrschaft beschränkten seine Entfaltungsmöglichkeiten. Der Film zeigt leidlich tatsachengetreu, wie es ihm gelang, als Angestellter in Madras die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten zu erhaschen; einen der Chefs verkörpert Stephen Fry, dessen subtiles Spiel den listigen Paradoxien, die Fry als Darsteller wie als Autor liebt, eine Perle hinzufügt: Herablassung als Ermutigung, förderliche Arroganz.

          Beweise schienen ihm entbehrlich

          Das Leiden eines Verstandes, der in den höchsten Ordnungen des Denkbaren unterwegs ist, an den unvermeidlichen Zusammenstößen mit Alltagskrempel und menschlicher Durchschnittsirrationalität ist als Filmthema zwischen „A Beautiful Mind“ (2001) und „The Imitation Game“ (2014) mittlerweile fest etabliert. Bei Ramanujan tritt zu diesen Leiden das schmerzliche Faktum, dass nicht einmal die mathematische Gemeinschaft seiner Zeit ihn vorbehaltlos akzeptieren konnte - teils, weil diese überwiegend westlich-nördliche Elite den aus einer Randwelt stammenden Ausnahmemenschen als lebendige Anklage ihrer Bigotterie perhorreszieren musste, teils aber auch, weil sein strahlender Geist an einem Makel litt, für den er nichts konnte: Ramanujan hat sich die Mathematik selbst beigebracht, bei dieser Ausbildung aber kaum Techniken erworben, mit denen er die neuen Ideen hätte streng beweisen können, die ihn über den Lernstoff in alten Büchern hinaustrieben.

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