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Video-Filmkritik: „Dogman“ : Die Phantome des Hundefriseurs

Echte Charaktere sind sie alle nicht

Die heikle Balance, in der der Hundefriseur seine Loyalität zu seinen Nachbarn und seine Abhängigkeit von seinem besten Kunden hält, kippt um, als Simone durch eine Wand in Marcellos Laden in das benachbarte Juweliergeschäft einbricht. Die Umstände der Tat weisen auf Marcello als Mittäter. Er hat die Wahl, seinen Freund zu verraten oder für ihn ins Gefängnis zu gehen. Er entscheidet sich für das Gefängnis. Es ist der Moment, in dem der Film Kontakt zur juristischen und politischen Realität Italiens aufnimmt, in dem er seine sehr persönliche Story in einen allgemeinen zeitgeschichtlichen Rahmen spannt. Und es ist zugleich der Moment, in dem er diesen Kontakt wieder verliert. Aus irgendeinem Grund wird Simone nicht verhaftet, Marcello wandert ins Zuchthaus von Rebibbia, und im nächsten Bild („ein Jahr später“) ist er wieder draußen. Der Film „Dogman“, der bis dahin eine Geschichte war, die ihren Ort in der Wirklichkeit suchte, wird durch diese Auslassungen und Unwahrscheinlichkeiten zur reinen, ortlosen Fiktion.

Denn das ist der Nachteil der klassischen Heldenerzählung: Die Verbindung zur Welt, die wir kennen und in der es keine Helden gibt – selbst so schwache, gutgläubige, erst im Elend über sich hinauswachsende wie Marcello nicht –, muss sie durch Nebenfiguren beglaubigen. In „Dogman“ sind das neben den Nachbarn ein weiterer Drogendealer, ein Polizist und Marcellos Exfrau. Echte Charaktere sind sie alle nicht. Ebendarum aber wäre es in diesem Film gegangen: dass die Geschehnisse vor der Kamera die Zustände spiegeln, die jenseits des Bildrahmens herrschen. Denn Matteo Garrone ist nicht irgendein Regisseur und Italien nicht irgendein Filmland. Es ist das Land, in dem die Wirklichkeit im Kino nach dem Zweiten Weltkrieg neu erfunden wurde, und Garrone bekennt sich dazu.

Einmal ein Moment des Neorealismus

Über seinen Hauptdarsteller Marcello Fonte hat der Regisseur gesagt, er habe ein „historisch anmutendes“ Gesicht. Tatsächlich kann man Fonte kaum zusehen, ohne an frühe Filme von Visconti, De Sica und Rossellini zu denken, in denen solche Gesichter ein vertrauter Anblick waren. Der Neorealismus, wie er sich selbst nannte, war ein Kino der armen Leute, die ums Überleben kämpften; vor allem aber war er eine Haltung zur Welt. Er fand seine Geschichten auf der Straße, nicht im Studio. Seitdem haben viele Regisseursgenerationen versucht, diese Haltung wiederzubeleben. Die Dogma-Bewegung wollte sie mit der Brechstange des Purismus herbeizwingen. Matteo Garrone hat sie nun in Marcello Fontes Gesichtszügen gefunden.

Aber statt seinem Schauspieler einen Halt in der Außenwelt zu geben, hat Garrone das Italien, das sein Film zeigt, um ihn herum konstruiert. Das Geistergetto von Villaggio Coppola, diese Ruine des italienischen Traums, wirkt in „Dogman“ so heillos pittoresk, dass man es ebenso gut im Studio hätte nachbauen können. Erst als er Gewalt mit Gegengewalt beantwortet, platzt endlich die Blase, in welcher der Hundefriseur lebt: gerade rechtzeitig für den Film, der ein pathetisches Schlussbild sucht, aber zu spät für die Figur, die nicht mehr aus ihrem Stereotyp herauskommt.

Nur einmal, zwischendurch, erlebt Matteo so etwas wie einen Moment des Neorealismus. Er klettert in eine fremde Wohnung, um einen Hund zu retten, den einer seiner Komplizen beim vorausgegangenen Einbruch ins Gefrierfach gestopft hat. Während das Tier im Spülstein liegt und unter Matteos Händen langsam auftaut, wartet man darauf, dass die Küchentür sich öffnet und das Unbekannte hereintritt – irgendjemand, irgendetwas, das diesen Film aus seiner Selbstbezüglichkeit befreit. Aber nichts geschieht. Der Dogman fährt nach Haus, und der auferstandene Hund schleicht in sein Körbchen zurück. Ohne Gebell.

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