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Video-Filmkritik : Halt den Mund und schreib den Hit

Bild: dpa

Auf ihrem Weg von der Einwanderin zum Popstar hat sie selbst die Kamera mitlaufen lassen. Der Film „Matangi – Maya – M.I.A“ porträtiert die umstrittene Rapperin – und erzählt die Sackgassen ihres Lebens mit.

          An einem Abend im Februar 2012 sitzt Maya Arulpragasam, genannt M.I.A., entgeistert über einen Skandal, den ihr Auftritt mit Madonna beim amerikanischen Superbowl ausgelöst hat, in einem Hotelzimmer. Die Bettdecke über die Beine gebreitet, starrt sie zur Wand, die Kamera nähert sich ihr wie ein Vertrauter. Sie will Worte dafür finden, warum sie den Zuschauern vor den Fernsehern den Mittelfinger hingehalten hat, sucht Sinn, wo es keinen gibt, stammelt. Madonna, ihr Idol, hat sich in ihren Augen zur Marionette ihrer Manager machen lassen und sie in die Rolle des hopsenden Cheerleaders gezwungen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht zeigt unverstellt die Fassungslosigkeit eines Menschen, dem alles entgleitet. Sie ist echt. Die Kamera ist Mayas Vertrauter.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Eklat um den Superbowl-Auftritt wird für die britische Rapperin zum Wendepunkt ihrer Karriere. Später lautet die offizielle Erklärung, der Finger habe ihrem Ex-Verlobten gegolten. Maya fühlt sich von Amerika, wo man ihren politischen Aktionismus mit Argwohn verfolgt, missverstanden. In ihrer Titelgeschichte für das „New York Times Magazine“ porträtiert die Reporterin Lynn Hirschberg die Musikerin als an Trüffelpommes knabbernde Narzisstin. Sie, deren Familie vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka floh, als sie acht Jahre alt war und noch Mathangi hieß, die im Südwesten London aufwuchs und einen märchenhaften Aufstieg hinlegte, als sie alle Klischees über Migranten in Großbritannien auf den Punkt brachte. „All I wanna do is take your money“, rappte M.I.A. 2007 in „Paper Planes“.

          Der Dokumentarfilm, der sich durch das Leben der Künstlerin tastet, die ihre Freunde als „hard to handle“ bezeichnen, trägt die Metamorphose von der Einwanderin zum Popstar schon im Namen. Regisseur Stephen Loveridge ist ein ehemaliger Kommilitone, den Maya in den Neunzigern im Filmstudium kennenlernte und dem sie ihre gesammelten Tapes überließ, angeblich mit der Ansage, er solle damit tun, was er wolle. Sie hatte nämlich, ganz die Bildernärrin, die später an Spielfilme erinnernde Musikvideos produzierte, zwanzig Jahre lang die Kamera mitlaufen lassen: Im spärlich eingerichteten Wohnzimmer der Migrantenfamilie, als sie und ihre Geschwister schon sehr hiphoptauglich tanzten und über Politik diskutierten. Auf Tour mit ihrer Freundin, der Britpop-Musikerin Justine Frischmann und deren Band Elastica, die Maya, von Selbstzweifeln geplagt, begleitete. Bei der Ankunft ihres Vaters, der wegen seiner Verbindung zur tamilischen Widerstandsbewegung erst Jahre später nach England kam und dann erfolglos versuchte, der Familie seinen Standpunkt in diesem unbegreiflichen Krieg zu erklären. Später, als sie mit der Wirkung provokanter Sprüche zu experimentieren beginnt, sagt Maya über die paramilitärischen Tamil Tigers und ihre Kämpferinnen herausfordernd in die Kamera: „Das wäre meine Realität gewesen.“

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