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Video-Filmkritik: „Born in Evin“ : Niemand bringt sie zum Schweigen

Maryam Zaree in „Born in Evin“ Bild: Realfiction Verleih

Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Der bewegende Film „Born in Evin“ zeigt es.

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          Bevor ein Kind geboren wird, so steht es im Talmud, trägt es eine Kerze über dem Kopf zum Zeichen dafür, dass es alles weiß. Doch im Moment der Geburt bläst ein Engel die Kerze aus – und der Mensch muss alles neu lernen, was er vergessen hat. Mit dieser Legende, ins Dunkle gesprochen, eröffnet Maryam Zaree ihren autobiographischen Dokumentarfilm „Born in Evin“. In ihm will sie das Licht des Wissens neu entzünden, mit dem sie vielleicht die Finsternis erhellen kann, die den Beginn ihres Lebens umgibt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Maryam Zaree ist in Frankfurt aufgewachsen und hat sich mit Erfolg eine Karriere als Schauspielerin aufgebaut. Das deutsche Fernsehpublikum kennt sie vor allem aus dem „Tatort“ und der Clan-Serie „4 Blocks“; aber sie spielt auch in internationalen Kinoproduktionen mit, hat Gastauftritte an Theatern, schreibt selbst Stücke und inszeniert. Zaree könnte immer weiter nach vorne schauen, so gut geht es voran. Und doch blickt sie in ihrem Debüt als Dokumentaristin, das auf der Berlinale zu sehen war und nun in die Kinos kommt, zurück – auf den Ort des Grauens, an dem sie 1983 zur Welt kam: das Evin-Gefängnis in Teheran. Regimekritiker der Islamischen Republik wurden und werden dort gefangengehalten, gefoltert und hingerichtet. Gegenwärtig befinden sich dort Menschen wie die Anwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde. In den achtziger Jahren saßen in dem berüchtigten Gefängnis, zu Dutzenden in Zellen gesperrt, junge Leute, die gegen den Schah aufbegehrt und ihre eigene Revolution an Chomeini verloren hatten.

          Unter ihnen waren Maryam Zarees Eltern. Die Mutter kam frei, als ihre Tochter zwei Jahre alt war, und floh mit dem Kind nach Deutschland. Der Vater, den Liquidierungswellen im Evin entronnen, folgte einige Jahre später. Über die Vergangenheit gesprochen wurde in der Familie nicht mehr. Es galt, sich eine Zukunft aufzubauen. Maryam Zarees Mutter, Nargess Eskandari-Grünberg, lebte es auf exemplarische und auf beeindruckende Weise vor: Sie studierte Psychologie, eröffnete eine Praxis als Therapeutin und wurde Lokalpolitikerin. Als erste Migrantin in Deutschland kandidierte sie für ein Oberbürgermeisteramt, in Frankfurt, der Stadt, in der sie Jahrzehnte zuvor mit einem Kleinkind im Arm gestrandet war. Warum also an längst überstandene Grausamkeiten rühren und verheilte Wunden aufreißen?

          Kein Recht auf Antworten, aber eines auf Fragen

          Diese Frage stellt sich in „Born in Evin“ immer wieder neu, auf jeder Etappe von Maryam Zarees Spurensuche, die im Umfeld ihrer Familie beginnt und sie über Experten zu anderen Überlebenden des Evin-Gefängnisses sowie deren Nachkommen führt. Ob in Deutschland, Italien, Großbritannien oder Amerika, überall stößt die Filmemacherin mit ihrem Anliegen, mehr über die Umstände ihrer ersten Lebensmonate erfahren und vor allem reden zu wollen, auf Bedenken. Die Therapeutin, mit der sie eine Familienaufstellung macht, fragt: Weshalb willst du denn unbedingt wissen, was damals passiert ist? Eine Tante in Paris reagiert ähnlich, obwohl sie es doch war, die der zwölfjährigen Nichte aus Versehen die beschwiegene Wahrheit von der Geburt im Gefängnis eröffnet hatte. Eine ehemalige Zellengenossin der Mutter gibt nur das Gute weiter: dass alle Mitgefangenen geklatscht, geweint und die neugeborene Maryam mit Liebe überschüttet hätten, als ihre Mutter sie zum ersten Mal in die Zelle getragen habe.

          Reicht das nicht? Kann man nicht davon absehen, dahin zu gehen, wo es schmerzt? Maryam Zaree ist schon fast bereit, das zu glauben, als ihr die französische Soziologin Chahla Chafiq ins Gewissen redet. Sie macht der Filmemacherin klar, warum sie Puzzleteile zusammenfügen darf, die ein Bild ihres frühen Ichs ergeben könnten. Der Despotismus, sagt Chafiq, will die Individualität zerstören. Diese wiederzufinden und zu verteidigen ist kein egoistisches Vorhaben, sondern mündet in einer größeren Erzählung, die allen gehört, die kollektive Erinnerungen weitergibt und verarbeitet. Die Erkenntnis, dass es kein Recht auf Antworten, sehr wohl aber eines auf Fragen gibt, wird nach diesem Wendepunkt leitend für die zweite Hälfte des Films.

          Zwei Badetücher aus dem Gefängnis

          Jenseits des Dokumentarischen findet Maryam Zaree poetische Bilder für das, was sich nicht verbalisieren oder rational darstellen lässt. Ein Fallschirmsprung mit hartem Aufschlag in einer Steppenlandschaft befördert sie als Protagonistin hinein in die eigene Geschichte, als Suchende auf fremdem, unwirtlichem Terrain. In Embryonalstellung unter Wasser schwebend, stumm, mit angehaltenem Atem und offenen Augen, stellt sie unausgesprochene Fragen und bereitet so eine Begegnung mit ihrer Mutter vor, die wir später im Bild sehen. Alte Fotos, Videos und Kassettenaufnahmen aus dem Familienarchiv, für den Vater im Gefängnis oder später von diesem aufgenommen, bereichern den Film. Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart und umgekehrt.

          Das anfängliche Vorhaben, sich selbst nicht in „Born in Evin“ vorkommen zu lassen und einen Film über andere zu drehen, hat Maryam Zaree schnell verworfen. Sich zu stellen, sagte sie dieser Zeitung, heiße auch, sich zu zeigen. Sie blendet die eigene Erschütterung nicht aus, wenn Überlebende davon berichten, wie gefangene Frauen misshandelt wurden, zeigt sich entmutigt in Hotelzimmern, von der Kamerafrau Siri Klug unstilisiert eingefangen auf Konferenzen und weinend im Arm früherer Opfer. Betroffen sitzt sie auf dem Sofa neben ihrem Vater, der aus den Tiefen seiner Besitztümer zwei Badetücher aus dem Gefängnis hervorgekramt hat. Vor ihm hatten diese zwei andere politische Gefangene in Gebrauch. Sie wurden gehängt. Man fange an, ihre Namen zu vergessen, sagt der Vater. Er kennt sie noch.

          Auch das gehört zum Widerstand

          Maryam Zaree gibt viel von sich preis und nimmt sich zugleich auf bemerkenswerte Weise zurück. „Born in Evin“ erzählt eine persönliche, fast intime Geschichte – und ist doch frei von jeder Selbstbezüglichkeit um ihrer selbst willen. Auch das, was die Mutter letztlich mit ihrer Tochter bespricht, bleibt vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geschützt. So setzt sich aus zahlreichen Episoden, Begegnungen, Irrläufen und Reflexionen, die Dieter Pichler kunstvoll montiert hat, eine universelle Geschichte zusammen. Ausgehend von dem, was ihre Familie – die Maryam Zaree mit Chuzpe als eine beschreibt, in der es eben alles gebe, Ausländer, Juden, Behinderte – erlebt hat, unterläuft sie kulturelle und religiöse Stereotypen und weist über die iranischen Menschenrechtsverletzungen hinaus.

          In einer Episode begleitet Maryam Zaree ihren Stiefvater Kurt Grünberg, der sich als Psychoanalytiker mit der generationenübergreifenden Weitergabe von Traumata beschäftigt, zu einem Treffen von Holocaust-Überlebenden. Nicht jugendfreie Zoten werden dort erzählt. Und es wird viel gelacht, wie überhaupt in diesem Film. Denn auch das gehört zum Widerstand gegen die Entmenschlichung – wie das geglückte, freie, erfolgreiche Leben, das Maryam Zaree bei vielen der Entkommenen und ihren Kindern vorfindet. „Born in Evin“ findet die Stärke, aus dieser Position heraus die eigene Versehrtheit zu betrachten. Und zeigt, dass das niemanden schwächer macht.

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