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Video-Filmkritik: „Born in Evin“ : Niemand bringt sie zum Schweigen

Maryam Zaree in „Born in Evin“ Bild: Realfiction Verleih

Maryam Zaree kam im Teheraner Foltergefängnis Evin zur Welt. Über die Zeit dort sprachen ihre Eltern nie. Die Schauspielerin fragt danach, nicht nur um ihrer selbst willen. Der bewegende Film „Born in Evin“ zeigt es.

          4 Min.

          Bevor ein Kind geboren wird, so steht es im Talmud, trägt es eine Kerze über dem Kopf zum Zeichen dafür, dass es alles weiß. Doch im Moment der Geburt bläst ein Engel die Kerze aus – und der Mensch muss alles neu lernen, was er vergessen hat. Mit dieser Legende, ins Dunkle gesprochen, eröffnet Maryam Zaree ihren autobiographischen Dokumentarfilm „Born in Evin“. In ihm will sie das Licht des Wissens neu entzünden, mit dem sie vielleicht die Finsternis erhellen kann, die den Beginn ihres Lebens umgibt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Maryam Zaree ist in Frankfurt aufgewachsen und hat sich mit Erfolg eine Karriere als Schauspielerin aufgebaut. Das deutsche Fernsehpublikum kennt sie vor allem aus dem „Tatort“ und der Clan-Serie „4 Blocks“; aber sie spielt auch in internationalen Kinoproduktionen mit, hat Gastauftritte an Theatern, schreibt selbst Stücke und inszeniert. Zaree könnte immer weiter nach vorne schauen, so gut geht es voran. Und doch blickt sie in ihrem Debüt als Dokumentaristin, das auf der Berlinale zu sehen war und nun in die Kinos kommt, zurück – auf den Ort des Grauens, an dem sie 1983 zur Welt kam: das Evin-Gefängnis in Teheran. Regimekritiker der Islamischen Republik wurden und werden dort gefangengehalten, gefoltert und hingerichtet. Gegenwärtig befinden sich dort Menschen wie die Anwältin Nasrin Sotudeh in Haft, die wegen ihres Einsatzes für die Rechte von Frauen zu 33 Jahren Gefängnis und 148 Peitschenhieben verurteilt wurde. In den achtziger Jahren saßen in dem berüchtigten Gefängnis, zu Dutzenden in Zellen gesperrt, junge Leute, die gegen den Schah aufbegehrt und ihre eigene Revolution an Chomeini verloren hatten.

          Unter ihnen waren Maryam Zarees Eltern. Die Mutter kam frei, als ihre Tochter zwei Jahre alt war, und floh mit dem Kind nach Deutschland. Der Vater, den Liquidierungswellen im Evin entronnen, folgte einige Jahre später. Über die Vergangenheit gesprochen wurde in der Familie nicht mehr. Es galt, sich eine Zukunft aufzubauen. Maryam Zarees Mutter, Nargess Eskandari-Grünberg, lebte es auf exemplarische und auf beeindruckende Weise vor: Sie studierte Psychologie, eröffnete eine Praxis als Therapeutin und wurde Lokalpolitikerin. Als erste Migrantin in Deutschland kandidierte sie für ein Oberbürgermeisteramt, in Frankfurt, der Stadt, in der sie Jahrzehnte zuvor mit einem Kleinkind im Arm gestrandet war. Warum also an längst überstandene Grausamkeiten rühren und verheilte Wunden aufreißen?

          Kein Recht auf Antworten, aber eines auf Fragen

          Diese Frage stellt sich in „Born in Evin“ immer wieder neu, auf jeder Etappe von Maryam Zarees Spurensuche, die im Umfeld ihrer Familie beginnt und sie über Experten zu anderen Überlebenden des Evin-Gefängnisses sowie deren Nachkommen führt. Ob in Deutschland, Italien, Großbritannien oder Amerika, überall stößt die Filmemacherin mit ihrem Anliegen, mehr über die Umstände ihrer ersten Lebensmonate erfahren und vor allem reden zu wollen, auf Bedenken. Die Therapeutin, mit der sie eine Familienaufstellung macht, fragt: Weshalb willst du denn unbedingt wissen, was damals passiert ist? Eine Tante in Paris reagiert ähnlich, obwohl sie es doch war, die der zwölfjährigen Nichte aus Versehen die beschwiegene Wahrheit von der Geburt im Gefängnis eröffnet hatte. Eine ehemalige Zellengenossin der Mutter gibt nur das Gute weiter: dass alle Mitgefangenen geklatscht, geweint und die neugeborene Maryam mit Liebe überschüttet hätten, als ihre Mutter sie zum ersten Mal in die Zelle getragen habe.

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