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Video-Filmkritik: „Born in Evin“ : Niemand bringt sie zum Schweigen

Reicht das nicht? Kann man nicht davon absehen, dahin zu gehen, wo es schmerzt? Maryam Zaree ist schon fast bereit, das zu glauben, als ihr die französische Soziologin Chahla Chafiq ins Gewissen redet. Sie macht der Filmemacherin klar, warum sie Puzzleteile zusammenfügen darf, die ein Bild ihres frühen Ichs ergeben könnten. Der Despotismus, sagt Chafiq, will die Individualität zerstören. Diese wiederzufinden und zu verteidigen ist kein egoistisches Vorhaben, sondern mündet in einer größeren Erzählung, die allen gehört, die kollektive Erinnerungen weitergibt und verarbeitet. Die Erkenntnis, dass es kein Recht auf Antworten, sehr wohl aber eines auf Fragen gibt, wird nach diesem Wendepunkt leitend für die zweite Hälfte des Films.

Zwei Badetücher aus dem Gefängnis

Jenseits des Dokumentarischen findet Maryam Zaree poetische Bilder für das, was sich nicht verbalisieren oder rational darstellen lässt. Ein Fallschirmsprung mit hartem Aufschlag in einer Steppenlandschaft befördert sie als Protagonistin hinein in die eigene Geschichte, als Suchende auf fremdem, unwirtlichem Terrain. In Embryonalstellung unter Wasser schwebend, stumm, mit angehaltenem Atem und offenen Augen, stellt sie unausgesprochene Fragen und bereitet so eine Begegnung mit ihrer Mutter vor, die wir später im Bild sehen. Alte Fotos, Videos und Kassettenaufnahmen aus dem Familienarchiv, für den Vater im Gefängnis oder später von diesem aufgenommen, bereichern den Film. Die Vergangenheit ragt in die Gegenwart und umgekehrt.

Das anfängliche Vorhaben, sich selbst nicht in „Born in Evin“ vorkommen zu lassen und einen Film über andere zu drehen, hat Maryam Zaree schnell verworfen. Sich zu stellen, sagte sie dieser Zeitung, heiße auch, sich zu zeigen. Sie blendet die eigene Erschütterung nicht aus, wenn Überlebende davon berichten, wie gefangene Frauen misshandelt wurden, zeigt sich entmutigt in Hotelzimmern, von der Kamerafrau Siri Klug unstilisiert eingefangen auf Konferenzen und weinend im Arm früherer Opfer. Betroffen sitzt sie auf dem Sofa neben ihrem Vater, der aus den Tiefen seiner Besitztümer zwei Badetücher aus dem Gefängnis hervorgekramt hat. Vor ihm hatten diese zwei andere politische Gefangene in Gebrauch. Sie wurden gehängt. Man fange an, ihre Namen zu vergessen, sagt der Vater. Er kennt sie noch.

Auch das gehört zum Widerstand

Maryam Zaree gibt viel von sich preis und nimmt sich zugleich auf bemerkenswerte Weise zurück. „Born in Evin“ erzählt eine persönliche, fast intime Geschichte – und ist doch frei von jeder Selbstbezüglichkeit um ihrer selbst willen. Auch das, was die Mutter letztlich mit ihrer Tochter bespricht, bleibt vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geschützt. So setzt sich aus zahlreichen Episoden, Begegnungen, Irrläufen und Reflexionen, die Dieter Pichler kunstvoll montiert hat, eine universelle Geschichte zusammen. Ausgehend von dem, was ihre Familie – die Maryam Zaree mit Chuzpe als eine beschreibt, in der es eben alles gebe, Ausländer, Juden, Behinderte – erlebt hat, unterläuft sie kulturelle und religiöse Stereotypen und weist über die iranischen Menschenrechtsverletzungen hinaus.

In einer Episode begleitet Maryam Zaree ihren Stiefvater Kurt Grünberg, der sich als Psychoanalytiker mit der generationenübergreifenden Weitergabe von Traumata beschäftigt, zu einem Treffen von Holocaust-Überlebenden. Nicht jugendfreie Zoten werden dort erzählt. Und es wird viel gelacht, wie überhaupt in diesem Film. Denn auch das gehört zum Widerstand gegen die Entmenschlichung – wie das geglückte, freie, erfolgreiche Leben, das Maryam Zaree bei vielen der Entkommenen und ihren Kindern vorfindet. „Born in Evin“ findet die Stärke, aus dieser Position heraus die eigene Versehrtheit zu betrachten. Und zeigt, dass das niemanden schwächer macht.

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