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„Marvel’s The Avengers“ : Ein Orkan mit Herz und Verstand

Bild: Walt Disney

Monster sterben, Städte brennen: Joss Whedons Film über das Comicteam „The Avengers“ erzählt eine so laute wie grelle, aber auch eine so schöne wie schlaue Geschichte.

          5 Min.

          Filme wie dieser sind als gigantische Geldbagger gedacht. Das kann schiefgehen: Weil den dreidimensionalen Breitwand-Gähnkrampf „John Carter of Mars“ vor ein paar Wochen nicht genügend Leute sehen wollten, ist Rich Ross, Filmchef bei Disney, jetzt zurückgetreten. Der Regisseur und Drehbuchautor Joss Whedon, den die Disney-Tochter Marvel Studios, die nach einem der berühmtesten Comicverlage heißt, in die Fahrerkabine des Geldbaggers „Marvel’s The Avengers“ gesetzt hat, hält dem Druck dagegen zum Glück stand, den sein Job bedeutet.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Er hat nicht nur getan, was er sollte (die Riesenschaufel zum Umgraben von Kinokassen angesetzt), sondern auch, was er wollte (nämlich seine in drei Fernsehserien, zwei Kinofilmen, einer Web-Show und zahlreichen Comics unternommene fortlaufende Inventur des ästhetischen Ressourcenbestands von Science-Fiction, Fantasy und Horror um ein weiteres Glanzstück ergänzt).

          Hulk, Iron Man und Captain America

          Whedon betritt eine bereits tobende Party: Mit „Hulk“ (2003), „The Incredible Hulk“ (2008), „Iron Man“ (2008), „Iron Man 2“ (2010), „Thor“ (2011) und „Captain America“ (2011) wurden vier Marvel-Helden im Kino etabliert, damit das Publikum sich jetzt dafür interessiert, was ihnen passiert, wenn ein fünfter sie mit noch zwei weiteren zum Team vereinigt, das New York davor bewahren soll, von außerirdischen Söldnern und tonnenschweren fliegenden Mehlwürmern ruiniert zu werden, weil sich Loki, der nordische Gott der Lüge (grinst irr wie ein Brandstifterstreichholz: Tom Hiddleston), von der Gegenwartsmenschheit nicht ausreichend angebetet fühlt.

          Genregemäß donnert und kracht es

          Gut sechzig Prozent des Films bestehen genregemäß aus Blizzards, Sturmwind und Getümmel. Vom Tümmeln und Tümmelnlassen versteht Whedon genug; nie aber verliert er, egal, was gerade hochgeht, einbricht, umfällt oder abgeschossen wird, den Überblick, immer bleibt er dicht an der Geschichte, die er erzählen will.

          Sie handelt von der anstrengenden Spannung, die in unserer Epoche ständig zwischen den beiden Polen Aktualität und Nostalgie erzeugt wird - es gibt, wie der undurchschaubare Strippenzieher und widersprüchlich sensible Zyniker Nick Fury (Samuel L. Jackson) im Film erklärt, nämlich einerseits immer mehr Krisen, gegen die noch kein Mittel bekannt ist, andererseits immer mehr Erinnerungen an vergangene Krisen, die nahelegen, man sollte dem neuesten Schrecken mit etwas begegnen, das irgendwie „old-fashioned“ (Fury) ist (nach diesem Rezept reagieren heute ja nicht nur Medienkonzerne auf Copyrightprobleme, sondern auch Staaten auf Bankenbeben). Die Gegenwart, bestürmt von Zukunft wie Geschichte, soll daher von einer Gruppe auffällig unzeitgemäßer Figuren vor dem Zerreißen bewahrt werden.

          Wissenschaftler und Ninja-Ballettkätzchen

          Sechs Personen schickt man an die Front: Captain America (unbeirrbar anständig: Chris Evans), aus dem Zweiten Weltkrieg importiert und eingenäht ins Sternenbanner, steht mit Name, Leib und Seele für ein Land, das die Japaner, die Deutschen und die Russen nicht kleingekriegt haben, das aber den Weltordner-Marotten und der Schuldenwirtschaft seiner Regierungen zu erliegen droht (man habe ihm, ärgert er sich, zwar gesagt, „we won, but they didn’t tell me what we lost“).

          Doktor Bruce Banner (introvertiert und bescheiden, ein verrückter Wissenschaftler zum Gernhaben: Mark Ruffalo) verwandelt sich, seit ein Experiment aus dem Ruder gelaufen ist, bei Zornausbrüchen in den Hulk, einen Muskelunfall, der mit der Abrissbirne denkt, mit den Pratzen redet und drei Sprachen spricht: Kloppe, Haue und Sachbeschädigung. Natascha Romanoff alias Black Widow (überzeugende Kreuzung aus Ninja-Ballettkätzchen und Supermodel für Sportbekleidung: Scarlett Johansson) ist die schönste, beste und beweglichste Spionin der Welt; wer sie auf einen Stuhl bindet, um sie zu verhören, wird stattdessen von ihr verhört und darf zur Strafe den Stuhl fressen.

          Mogeleien am Schnittcomputer

          Hawkeye, auf der Lohnsteuerkarte als „Mister Barton“ geführt (seriös gewaltbereit: Jeremy Renner), entspannt sich als treffsicherster Bogenschütze aller Zeiten am liebsten beim Abschießen bewaffneter wie beweglicher Ziele. Tony Stark (stets in seinem Element, nämlich dem eigenen Ego: der wunderbare Robert Downey, Jr.) ist fürs militärische Ingenieurswesen das, was Andy Warhol für den Siebdrucksachenhandel war, und fliegt in einer selbstentworfenen, narzißmusbetriebenen Kampfrüstung herum, die ihm den Ehrennamen „Iron Man“ eingetragen hat. Thor, hyperboräischer Donnergott (der uneheliche Sohn von Hägar und Heidi Klum: Chris Hemsworth), spaltet Hindernisse mit Blitzen, haut sie mit dem Hammer platt und trägt, wie Tony Stark spottet, Mutters Vorhänge als Kostüm.

          Diese schiefe Truppe jagt Joss Whedon mit Bravour und sicherem Blick für die Chancen und Gefahren der Transposition bunter Heftchenästhetik in Filmsequenzen entschlossen durch den Rüttelwürger. Seit das übersichtliche Sechs-oder-Neun-Bilder-Gitter in Comics von Leuten wie Neal Adams und Gene Colan in den sechziger und siebziger Jahren endgültig gesprengt wurde, hat sich die zeichnerische Blicklenkung zwischen splash pages und Actionmontagen bekanntlich zur hohen Kunst fortentwickelt. Whedons horizontale und vertikale Parallelfahrten, Raumöffner, Verlangsamer und Beschleuniger, Schwenks, Zooms und Mogeleien am Schnittcomputer werden dieser Kunst respektvoll, aber nie unterwürfig gerecht - er kennt sie ja nicht nur als Leser, sondern ist selbst Autor von Heftserien wie „Fray“oder „Astonishing X-Men“.

          Science-Fiction, Horror und Fantasy

          Derlei savoir-faire ergibt zusammen mit Besetzungsgeschick (andere Regisseure würden einer Cobie Smulders glanzvolle Hauptrollen zu Füßen legen, bei Whedon freut sie sich mit Recht schon, wenn sie eine Art Sekretärin mit Pistole spielen darf - ähnliches gilt für Gwyneth Paltrow, Harry Dean Stanton und weniger berühmte Spitzenkräfte wie Clark Gregg) sowie den schmissigen Dialogen, für die Whedon bei Kritik und Publikum geschätzt wird (Captain America grummelt, darüber informiert, dass die Wagneropernkostümträger Thor und Loki „Götter“ seien: „There is only one god, and I’m pretty sure he doesn’t dress that way“) mühelos den besten Superheldenfilm seit Bryan Singers „X2“ (2003). Whedon indes will - und erreicht - mit diesen „Avengers“ mehr als das; nämlich die bislang aufwendigste Verdeutlichung der Kunstabsichten, die ihn umtreiben.

          Amerikanische Phantastik - Science-Fiction, Horror, Fantasy - beherrscht die einschlägigen Weltmärkte ja vor allem deshalb, weil ihre berühmtesten Kreativen - Leute wie Steven Spielberg, Stephen King oder eben auch der „Marvel“-Vater Stan Lee - ihre Mirakel und Monstrositäten in die Verbindlichkeit global durchgesetzter Erfahrungsmuster einbetten. Teenager finden da ihre Qualen und Freuden wieder; der Alltag zwischen Coke und Google rahmt das Unglaubliche ein und besiegt jede Skepsis.

          Für und Nichtgöttinnen und Nichthelden

          Joss Whedon will diese Technik von innen nach außen krempeln, ihr Rahmen-Bild-Verhältnis umkehren: Das Donnern und Klotzen rund um Götter, Wunderwaffen und Ungeheuer soll bei ihm Schocks und Verblüffungen auslösen, die er nutzen will, um Vermutungen, Einsichten und Ansichten über uns Nichtgöttinnen, Nichthelden, Nichtmonster zu artikulieren, die in realistischen und naturalistischen Rahmungen zu wenig Relief hätten und mit ihrem Hintergrund verschmelzen müssten. Es geht ums Wahre, nicht ums Effektvolle: Ein Tod wird betrauert, Gruppendynamik kippt in Streit, zwei Menschen finden vorsichtig zueinander.

          Einmal bittet Natascha Romanoff den eitlen Lügner Loki, der hinter einer Panzerglasscheibe gefangen ist, um Hilfe für Hawkeye (den sie in einer zarten anderen Szene liebevoll mit seinem Vornamen „Clint“ anspricht; mehr Intimität wird nicht ausgebreitet). Loki spottet, das sei nun also menschliche Liebe - diese kriecherische Fürsprache. Die Heldin, die zu viel Blut vergossen hat, um sich zerbrechliche Sehnsüchte zu gestatten, antwortet streng und traurig: „Love is for children. I owe him a debt.“ Die Würde des Satzes bringt den Herzlosen in Rage; er verliert die Fassung; auf seiner Seite der Scheibe glitzern kleine Speichelfäden - der versteckteste, raffinierteste Spezialeffekt in diesem sonst so bombastischen Film; und der beste.

          Joss Whedon hat mit dem Geldbagger ein tiefes Loch gegraben, ein festes filmhandwerkliches Fundament hineingegossen und darauf einen Tempel für Ungläubige gebaut, in dem überlebensgroße Figuren von ihren Sockeln steigen, um sich mit uns darüber zu verständigen, warum wir sie brauchen (und sie uns). Das Altmodische, das diese Heldinnen und Helden beseelt, war selten so jung.

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