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Video-Filmkritik : Die Merkwürde des Menschen

Bild: The Walt Disney Company

„Doctor Strange“ ist kein Superheld wie jeder andere: Scott Derrickson inszeniert den Marvel-Comic als psychedelisches, ineinander verklapptes Wimmelbild, das einem sämtliche räumliche Orientierung raubt.

          Schwarz und blutergusslila sind die Moosflecken und Schorfschründe der Planeten des dunklen Universums. Zwischen ihnen halten dicke Stränge, vielleicht Adern, vielleicht Eselsbrücken, vielfältige Verbindungen; der Teufel hat hier mit dem Molekülbaukasten ein Höllenmobile erstellt. Auf einem klumpigen Himmelskörper landet der Magier Doktor Stephen Strange in seiner fliegenden roten Kutte, tritt vors Feuergesicht des Herrn dieser Gegend und fordert ihn heraus, indem er seinen Namen ruft: „Dormammu!“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Es klingt, wie Pegida-Demonstranten „Merkel!“ brüllen: berauscht von der Heftigkeit der eigenen Wut; aber Benedict Cumberbatch, der den Herausforderer spielt, sieht dabei aus, als müsse er mit aller Kraft die Frage verdrängen, wie er eigentlich in diesen ganzen spektakulären Widersinn geraten ist. Rund anderthalb Stunden zuvor hat der Film „Doctor Strange“ uns die Titelfigur als den zugleich besten und arrogantesten Neurochirurgen der Welt vorgestellt, dessen Talent hauptsächlich in seinen Händen wohnt, die jedoch bei einer selbstverschuldeten Verkehrskatastrophe zuschanden gehen.

          Polyederprojektionsdiagramme aus Licht

          Nach einer mehrstündigen Operation erwacht der Heiler, jetzt Patient, mit Fingern, die von Metallstäbchen gespickt sind wie Käsesnacks von Zahnstochern. Seine Freundin und Kollegin Christine Palmer zieht ihr mitfühlendstes Gesicht – es gehört Rachel McAdams, die kann das sehr gut –, während sie ihm erklärt, die bestenfalls teilweise geglückte Reparatur seiner Hände hätte wohl niemand besser hinbekommen. Der Gestrafte sieht das flüsternd anders, er meint, ihm selbst wär’s gelungen, sein Blick schwimmt dabei in Tränen hilfloser Wut. Die Freundin schlägt ihm vor, es könne noch andere Lebenszwecke geben als die Arbeit. Strange weist die Frau zurück und begibt sich auf eine obsessive Suche nach Linderung seiner Not. In einem nepalesischen Kloster wird er schließlich bei einer Sekte vorstellig, die sich von anderen Spinnern darin unterscheidet, dass sie tatsächliche Geheimnisse zusätzlicher Mandala-Dimensionen der Raumzeit besitzt und hütet. Angeführt wird der Orden von Tilda Swinton als „the Ancient One“, die schon seit Jahrhunderten lebt und ihren Verein die Überwindung aller Trägheitswiderstände der Materie mittels Zaubersprüchen und Polyederprojektionsdiagrammen aus Licht lehrt.

          Schwerelos in Nepal: „The Ancient One“ (Tilda Swinton) bei der Aufhebung diverser physikalischer Naturgesetze.

          Derlei zieht offenbar vor allem hochbegabte Schauspieler an, zum Beispiel Chiwetel Ejiofor als Frau Swintons treuen Schildknappen Mordo und Mads Mikkelsen als abtrünnigen Stinker Kaecilius. Letzterer bildet sich ein, es mit allen Menschen gut zu meinen, weil er sie von Alterung, Tod und Verlust befreien will, nämlich von der Zeit als solcher, in der uns die drei Übel plagen.

          Kaecilius gehört zur auch im wirklichen Leben nicht ganz kleinen Untermenge der Esoterik-Gläubigen, die man die Reichsbürgerbewegung der Zwischenmenschlichkeit nennen könnte: Sie reden von Liebe, Seelenkraft und Schmerzbewältigung genau so, wie die Reichsbürger, die den vorhandenen deutschen Staat nicht anerkennen, von Deutschland reden, nämlich wie die Kuh vom Eierlegen – es lässt sich kaum übersehen, dass diesen Leuten die Liebe, die Psyche und der Schmerz anderer, die nicht an Hokuspokus glauben, völlig egal sind; ihr Hauptmerkmal ist die mangelnde Bereitschaft, im Diesseits Steuern für ihre angeblichen Ideale zu bezahlen; sie streben nach dem Gratisglück der Denkfaulen und Lernunwilligen.

          Ein Held, weil er nicht verrückt wird

          Der Transzendenzfanatiker Kaecilius, der diesem lästigen Stamm angehört, bricht also einen Abrakadabrakrieg gegen seine Lehrerin, deren Musterschüler und den Neuling Strange vom Zaun; der Rest ist ein Mordsgetöse voll Blitz, Donner und Perspektiverschütterungen. So übergeschnappt sich das liest, Scott Derricksons Film kriegt es gebacken. Nicht zuletzt deshalb, weil die versammelten Ensemble-Großkaliber sich mit Verve in die psychedelischen Wimmelbilder, Zeitfallen, Raumlücken, Treppentäuschungen und Kippkataklysmen werfen, die dem Autor Stan Lee und dem Zeichner Steve Ditko Anfang der sechziger Jahre als halluzinatorische Ergänzung des Heftchenkosmos der Marvel Comics eingefallen sind.

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