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Video-Filmkritik: „The Irishman“ : Mit dabei oder tot

Bild: Netflix

Revision der Geschichte oder Abgesang? Martin Scorseses Film „The Irishman“ zeigt die Mechanik der Macht – der Mafia und aller Institutionen, die unter ihrem Einfluss standen.

          4 Min.

          Es kommt die Zeit im Leben eines Mannes, die zur Rückschau einlädt. Nicht nur dazu einlädt, sondern sie unumgänglich macht. Der Zeitpunkt, an dem die Macht, die einer einst hatte, oder die Macht der Freunde, die einer einst hatte, geschwunden ist. Die Freunde tot. Der eigene Tod nicht nur eine Möglichkeit, sondern ein unmittelbar bevorstehendes Ereignis. Was bleibt, ist, sich zu erinnern. Geheimnisse preiszugeben, vielleicht. Zeit, die Faxen sein zu lassen, und zu sagen, was war. Wie es war. Wer die Rechnung bezahlte, als der Spaß vorbei war. Da niemand mehr da ist, die Erinnerung zu widerlegen, ist das wiederum eine Position von einiger Macht, der letzten, die bleibt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist das Thema von „The Irishman“ von Martin Scorsese, sein Stoff ist die Erinnerung. Und so sieht das am Anfang aus: Eine geschmeidige Kamerafahrt durch das Foyer eines Altenheims, hinein in einen Gang, den Menschen mit Klappbrettern in der Hand kreuzen, geschäftig und leise, eine weitere Kurve, noch ein paar geräuschlose Pfleger in gut gepolsterten Schuhen, automatische Türen öffnen und schließen sich, Menschen mit Gehhilfen schleichen vorbei, schließlich von hinten ein Rollstuhl, darin ein Mann mit weißem Haar, und endlich, nach einem letzten schweifenden Halbkreis der Kamera über zweckmäßiges Mobiliar: das Gesicht von Robert de Niro. Sein uraltes Gesicht, eine Maske?

          In einem anderen Film von Martin Scorsese, „GoodFellas“ von 1990, gab es auch so eine Kamerafahrt. Nicht am Anfang. Aber als sie kam, gedreht von Michael Ballhaus, wurde sie umgehend legendär. Wie dort Ray Liotta in der Rolle von Henry Hill durch den Hintereingang und die Küche in den Copacabana Club hineingleitet, von der Straße durch den Bauch des Clubs ins Herz der Mafia, wie er 20-Dollar-Scheine austeilt unterwegs und am Ende so nah an der Bühne des glamourösen Orts plaziert wird, dass er dem Komiker vorn über die Glatze hätte streichen können, wenn er das gewollt hätte, statt die Hand seiner Begleiterin Karen, gespielt von Lorraine Bracco, zu halten – das war neu, das war eine durch und durch filmische Art zu zeigen, wie Macht funktioniert. Was organisiertes Verbrechen als Lebensform an Annehmlichkeiten bereithält. Verführerisch auf den ersten Blick, bis einer zuschlägt. Foltert. Mordet.

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          Damals war der, der zuschlug, folterte, mordete, immer wieder Tommy DeVito, gespielt von Joe Pesci. Er spielt auch in dem neuen Film mit, als einer der mächtigen Mafiabosse in Philadelphia, der die Gewerkschaft und auch einige Mitglieder der Regierung in die Tasche steckt. Aber er schlägt nicht zu. Er erwartet, dass das andere für ihn tun.

          Auch Mafiosi altern

          Am Anfang von „The Irishman“ also ein Selbstzitat? Ja klar. Aber auch die Markierung der entscheidenden Differenz zwischen damals und jetzt: Der Spaß ist vorbei. Statt Nachtclub, Freunden, Frauen, Geld nun Altersheim, Pfleger, Einsamkeit. Dann der Rückblick. Mitleidlos in gewisser Weise, fasziniert von der Dynamik des Geschehens, aber doch ohne Überhöhung der Männer und ihrer Machenschaften, um die es geht. Die Frage ist: Will wirklich noch jemand wissen, wie es damals war?

          Nur, wenn Martin Scorsese es erzählt und den Glamour weglässt. Weil er wie kaum ein anderer die Welt der Männer kennt, die das Gesetz der Straße und der Hinterzimmer schreiben und repräsentieren, ein Gesetz, das nicht das Gesetz der Gesetzbücher ist. Weil er wie kaum ein anderer die Kunst beherrscht, mit den Mitteln des Kinos die Mechanik der Macht zu zeigen, die in der Welt, in der diese Männer das Sagen haben, universell ist. Eingeschrieben in den Code, über den ihre Verständigung funktioniert, sind genaue Vorstellungen von Freundschaft und Loyalität, die sehr lange wirksam bleiben. Aber nicht für immer. Schluss damit ist, wenn einer das Gesetz der Männer der Straße bricht. Es gibt keinen Raum für Veränderung. Es zählt nur: mit dabei oder tot.

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