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Video-Filmkritik : Jetzt mach mir hier aber mal bitte keine Zähne

Bild: F.A.Z., NFP

Ein Vater zieht Fratzen, um seiner Tochter näherzukommen, die im nicht nur beruflichen Stress sich selbst zu verlieren droht: Maren Ades furiose Filmkomödie „Toni Erdmann“ ist ein Sozialuniversaldrama.

          Unter allen Superhelden, die das Kino in den letzten Jahren zerlegt und neu zusammengeschlagen haben, ist Toni Erdmann gewiss der verkehrteste: Anstatt sich bei Einbruch der Dunkelheit als Fledermaus zu verkleiden, um die Polizei vor dem Gesetz zu beschützen oder so, setzt sich dieser groteske alte Mann eine Frontalprothese mit gelben und schiefen Zähnen in den Mund, um seine Mitmenschen beim Normalsein zu behindern, und erzielt damit peinlichste Erfolge, die er sichtlich und mit Recht selbst nie ganz versteht.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          In Wirklichkeit heißt Toni Erdmann Winfried Conradi, in Wahrheit aber Peter Simonischek, der die anderen beiden in Maren Ades neuem Film „Toni Erdmann“ so krampflos zwingend präsent und behutsam wahnsinnig spielt, als hätte er für die drollig-abgründige Rolle sein halbes Leben lang trainiert.

          Sie zieht sich aus wie ein Ausziehsofa

          Ades Film geht aufs Ganze; das heißt, es geht darin während mehr als zweieinhalb Stunden in keineswegs beliebiger Überfülle um dies und das, nämlich um Schildkröten, Furzkissen, die Ökonomie der Libido („Gerald sagt, ich soll dich nicht so oft vögeln, damit du deinen Biss nicht verlierst“), Käsespäne als Glitter-Ersatz für improvisierte Frisuren, Freikörper-Benimmregeln „(I’m not getting undressed, it’s not my deal“) und schließlich ums moderne, nicht länger flächentariflich ausgehandelte Arbeitsrecht als Medium der intergenerationalen Auseinandersetzung betreffend die soziopolitischen Rahmenbedingungen des Allzumenschlichen an und für sich - Vater zur Tochter: „Kannst du ihm sagen, dass er den jetzt nicht entlässt?“ Tochter zum Vater: „Das muss der schon selber wissen, und je mehr er entlässt, desto weniger muss ich dann entlassen.“

          Diese Tochter Ines - mit Schmackes, Nüchternheit und makellos komischem Timing ins Bild gepowert von der unaufhaltsamen Sandra Hüller - bringt in die liebevolle Konfrontation zwischen Alt und Jung, die davon handelt, dass das Alter die Jugend beschützen und retten will, sie dazu aber erst mal in die Schutzbedürftigkeit treiben, beschämen und überwältigen muss, ihre eigenen Superkräfte mit. Zum Beispiel verhält es sich bei ihr, wenn sie sich auszieht, wie beim Ausziehsofa: Sie wird mehr, nicht weniger, und schlagartig geselliger als unausgezogen (aber alles andere als platt enthemmt).

          Altern im aktiven Identitätsstreik

          Ines Conradi arbeitet während der Kernhandlungserzählzeit in Bukarest für irgendwelche transnational tätigen Consultingverbrecher, die anderen Firmen je nach stillschweigendem Auftragsverständnis auch mal Gründe dafür liefern, in ärmeren Ländern massenhaft Leute zu entlassen: Ein Sachzwang wird ausgearbeitet und belegt, damit die letztlich für den Stellenabbau Verantwortlichen genau diese Verantwortung von sich weisen können, was ihnen lieb ist, weil Manager nun mal empfindsame Gemüter sind.

          Die Kunst bei derlei höherer Consulterei, heißt es einmal, bestehe darin, dem Klienten „zu erklären, was er eigentlich will“, und liebevoll streng beleidigt der Vater sein Kind, indem er daraufhin mault: „Das kann meine Tochter bestimmt gut.“

          Das Indirekte, bis zur Gebrochenheit Vermittelte in Wort und Gebaren ist sein Element; der Hang, ein anderer sein zu wollen, ist eine komplexe Widerstandshaltung gegen das Altwerden als langsames Abblenden, dem er sich nicht fügen kann. Also schminkt, verkleidet, entstellt er sich, und die wache Aufmerksamkeit der Umgebung kommentiert diesen aktiven Identitätsstreik sehr richtig als absichtliche Sinnzusammenhangszerstörungszumutung: „Und dein Outfit, muss man das irgendwie verstehen?“

          So schwer wie Herrchens Kummer

          Lachen, weiß die Menschenkunde, ist plötzliche psychische Aufwandsersparnis: Eine Erwartung fällt in sich zusammen, die Luft entweicht vermittels roh ausatmender Erleichterung, und „Toni Erdmann“ ist als Komödie besonders stark, weil der jeweils ersparte psychische Aufwand sofort wieder investiert, ja oft von Verschärfungen der Lage noch vermehrt wird - der Vater besucht das Kind zum Beispiel erst unverkleidet, der Versuch, ihr Halt zu geben, als den er seine eigene Suche nach Halt missversteht, greift aber ins Leere: Das ist spaßig, aber damit hat sich’s nicht, denn der abgeblitzte Tröster kehrt wie ein Bumerang, verkleidet als Nervensäge, zurück und schafft energisch die Probleme, für deren Lösung er dann gebraucht wird. Nur dass das dann auch wieder nicht klappt, weil die von so viel Vaterliebe Bedrängte den Spieß umdreht, woraufhin alles noch viel beklemmender, niedlicher, abstruser wird, und so weiter.

          Über diese sauber durchgezogene Scherzverschärfungsdynamik hinaus hat man es bei „Toni Erdmann“ aber außerdem mit einer Komödie zu tun, die sich nicht zu witzig ist, ihr Personal auch mal die eigene Pointentauglichkeit aus den Augen verlieren zu lassen, weil es zum Beispiel trauern will: Der alte Mann schläft in seinem Garten, dann steht er langsam auf, geht zu seinem treuen Hund, der sich nicht mehr bewegt, und die Kamera hat einen winzigen Moment lang kaum wahrnehmbar ein bisschen mehr Mühe damit als sonst, auf der Höhe des Geschehens zu bleiben - als wäre sie mit einem Mal eine Spur zu schwer, wie Herrchens Kummer.

          Endlich denkt mal wieder jemand an Ion Tiriac

          Die vielen vorzüglichen Witze, die alle möglichen wunden Punkte kneifen - von der in mancherlei Hinsicht neokolonialen Ost-Erweiterung des Europäischen Wirtschaftsraumes über das Networking als erniedrigende Berufspraxis bis zum Komplex der Ballistik bei der Ejakulation -, sind fast immer genuine Filmwitze; das heißt, sie verlören durchaus Wesentliches, wollte man sie in Schriftform nacherzählen. Die törichte Frage, ob das alles im Drehbuch steht oder der Improvisation entsprungen ist, muss man mit Hegel beantworten: Es wird halt ein improvisiertes Drehbuch gewesen sein, ist doch egal. Viel wichtiger als solche Haarspaltereien dürfte den Jüngeren im Publikum der souveräne Realismus sein, mit dem zum Beispiel Businessdrogenkonsum völlig unromantisch in der Plotperipherie auftaucht und sofort wieder verschwindet; und ältere oder tote Zuschauer werden sich an nostalgischen Bonbons freuen wie dem, dass endlich einmal wieder an den olympisch unseriösen Tennismanager Ion Tiriac erinnert wird.

          Als die kritischen Kolleginnen und Kollegen vor einiger Zeit vom Filmfest in Cannes zurückkamen, gab es eine winzige deutsche Debatte: Die Urteilskraft der Jury wurde öffentlich in Zweifel gezogen, weil sie „Toni Erdmann“ nicht mit Preisen zugemöbelt hatte. Sollte man sich, fragten nun Leute, die nicht dabeigewesen waren, mit Urteilen über Urteile anderer nicht zurückhalten?

          Für Augenblicke etwas weniger einsam sein

          Aus den wenig später angesetzten deutschen Pressevorführungen aber kamen dann fast alle im redseligen Bewusstsein heraus, es wäre wohl das Beste, wenn dieses Ding nicht nur rückwirkend Cannes, sondern gleich noch die nächste Berlinale, den Chemie-Nobelpreis und ein paar schottische Volksabstimmungen gewönne. Denn unbedingt richtig an dem seither bis in die nordamerikanische Filmbranchenpublizistik weitergereichten Gerücht, hier sei etwas Außergewöhnliches geschehen, ist die Erinnerung daran, dass auf der Welt so wenig Gelungenes vorkommt, dass man, wenn es doch mal passiert, ruhig ein Weilchen Krach schlagen darf. Die an Bekehrungserlebnisse erinnernde Emphase, mit der auch unsentimentale Fachgutachterinnen und -gutachter auf den Film reagieren, hat außerdem damit zu tun, dass dieser Film selbst auch von Emphase handelt, und zwar einer, die nicht weiß, wohin mit sich, also etwa erst nach dem Abschied heulen kann statt währenddessen, oder eine groteske Dental-Mental-Katastrophenfigur wie diesen Toni Erdmann braucht, der als Kostüm seinem Inhalt steht wie angesoffen, um unartikulierbare Sehnsüchte auszuagieren, wobei sich Vater Conradi gar nicht so sehr von seiner Tochter unterscheidet, was man schlagartig einsieht, wenn Sandra Hüller ihre innere Whitney Houston freilässt, bis die Heide weint.

          Maren Ades für „Toni Erdmann“ erfundene Menschen sind also gar nicht sonderlich „anders“ als irgendeine Norm; das wäre ja auch längst nicht so überrumpelnd schön wie das, was sie sind, nämlich Modelle des Universalen, getarnt als Verschrobene. Wirklich verschroben, wirklich anders als die Norm waren die Gestalten des Surrealismus und sind die Rätselfiguren bei David Lynch. Toni Erdmann hingegen dagegen eine Maske, die aussieht, als wüsste sie, dass unmaskierte Menschen von Natur aus einsam sind, weil sie als Menschen den Inhalt anderer Köpfe oder Herzen nie kennen können und immer nur aus dem Verhalten erschließen müssen, aus Rollen, aus Kostümen und Masken eben, aber darauf nicht mal mit eigenen Maskenzeichen antworten können. Wenn wir uns wie Herr Conradi und seine Tochter anstrengen, für Augenblicke etwas weniger einsam zu sein, dann sind wir nicht lächerlich, aber oft lustig. Der Unterschied zwischen „lächerlich“ und „lustig“ ist sehr groß. Dieser Film auch.

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