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Video-Filmkritik : Jetzt mach mir hier aber mal bitte keine Zähne

Über diese sauber durchgezogene Scherzverschärfungsdynamik hinaus hat man es bei „Toni Erdmann“ aber außerdem mit einer Komödie zu tun, die sich nicht zu witzig ist, ihr Personal auch mal die eigene Pointentauglichkeit aus den Augen verlieren zu lassen, weil es zum Beispiel trauern will: Der alte Mann schläft in seinem Garten, dann steht er langsam auf, geht zu seinem treuen Hund, der sich nicht mehr bewegt, und die Kamera hat einen winzigen Moment lang kaum wahrnehmbar ein bisschen mehr Mühe damit als sonst, auf der Höhe des Geschehens zu bleiben - als wäre sie mit einem Mal eine Spur zu schwer, wie Herrchens Kummer.

Endlich denkt mal wieder jemand an Ion Tiriac

Die vielen vorzüglichen Witze, die alle möglichen wunden Punkte kneifen - von der in mancherlei Hinsicht neokolonialen Ost-Erweiterung des Europäischen Wirtschaftsraumes über das Networking als erniedrigende Berufspraxis bis zum Komplex der Ballistik bei der Ejakulation -, sind fast immer genuine Filmwitze; das heißt, sie verlören durchaus Wesentliches, wollte man sie in Schriftform nacherzählen. Die törichte Frage, ob das alles im Drehbuch steht oder der Improvisation entsprungen ist, muss man mit Hegel beantworten: Es wird halt ein improvisiertes Drehbuch gewesen sein, ist doch egal. Viel wichtiger als solche Haarspaltereien dürfte den Jüngeren im Publikum der souveräne Realismus sein, mit dem zum Beispiel Businessdrogenkonsum völlig unromantisch in der Plotperipherie auftaucht und sofort wieder verschwindet; und ältere oder tote Zuschauer werden sich an nostalgischen Bonbons freuen wie dem, dass endlich einmal wieder an den olympisch unseriösen Tennismanager Ion Tiriac erinnert wird.

Als die kritischen Kolleginnen und Kollegen vor einiger Zeit vom Filmfest in Cannes zurückkamen, gab es eine winzige deutsche Debatte: Die Urteilskraft der Jury wurde öffentlich in Zweifel gezogen, weil sie „Toni Erdmann“ nicht mit Preisen zugemöbelt hatte. Sollte man sich, fragten nun Leute, die nicht dabeigewesen waren, mit Urteilen über Urteile anderer nicht zurückhalten?

Für Augenblicke etwas weniger einsam sein

Aus den wenig später angesetzten deutschen Pressevorführungen aber kamen dann fast alle im redseligen Bewusstsein heraus, es wäre wohl das Beste, wenn dieses Ding nicht nur rückwirkend Cannes, sondern gleich noch die nächste Berlinale, den Chemie-Nobelpreis und ein paar schottische Volksabstimmungen gewönne. Denn unbedingt richtig an dem seither bis in die nordamerikanische Filmbranchenpublizistik weitergereichten Gerücht, hier sei etwas Außergewöhnliches geschehen, ist die Erinnerung daran, dass auf der Welt so wenig Gelungenes vorkommt, dass man, wenn es doch mal passiert, ruhig ein Weilchen Krach schlagen darf. Die an Bekehrungserlebnisse erinnernde Emphase, mit der auch unsentimentale Fachgutachterinnen und -gutachter auf den Film reagieren, hat außerdem damit zu tun, dass dieser Film selbst auch von Emphase handelt, und zwar einer, die nicht weiß, wohin mit sich, also etwa erst nach dem Abschied heulen kann statt währenddessen, oder eine groteske Dental-Mental-Katastrophenfigur wie diesen Toni Erdmann braucht, der als Kostüm seinem Inhalt steht wie angesoffen, um unartikulierbare Sehnsüchte auszuagieren, wobei sich Vater Conradi gar nicht so sehr von seiner Tochter unterscheidet, was man schlagartig einsieht, wenn Sandra Hüller ihre innere Whitney Houston freilässt, bis die Heide weint.

Maren Ades für „Toni Erdmann“ erfundene Menschen sind also gar nicht sonderlich „anders“ als irgendeine Norm; das wäre ja auch längst nicht so überrumpelnd schön wie das, was sie sind, nämlich Modelle des Universalen, getarnt als Verschrobene. Wirklich verschroben, wirklich anders als die Norm waren die Gestalten des Surrealismus und sind die Rätselfiguren bei David Lynch. Toni Erdmann hingegen dagegen eine Maske, die aussieht, als wüsste sie, dass unmaskierte Menschen von Natur aus einsam sind, weil sie als Menschen den Inhalt anderer Köpfe oder Herzen nie kennen können und immer nur aus dem Verhalten erschließen müssen, aus Rollen, aus Kostümen und Masken eben, aber darauf nicht mal mit eigenen Maskenzeichen antworten können. Wenn wir uns wie Herr Conradi und seine Tochter anstrengen, für Augenblicke etwas weniger einsam zu sein, dann sind wir nicht lächerlich, aber oft lustig. Der Unterschied zwischen „lächerlich“ und „lustig“ ist sehr groß. Dieser Film auch.

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