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Video-Filmkritik : Der Meister in der Maske des kleinen Jungen

  • -Aktualisiert am

Bild: Movienet

Marco Bellocchio ist bald achtzig Jahre alt und einer der Großen des italienischen Kinos. Sein Film „Träum was Schönes“ adelt die populäre Dramaform – ohne Pathos, aber mit untrüglichem Blick.

          Neun Jahre ist Massimo alt, als man ihm das Märchen auftischt, das von nun an sein Leben bestimmen wird. „Deine Mutter ist jetzt im Himmel. Sie hat sich das gewünscht, denn nur so kann sie dein Schutzengel sein.“

          Der Priester, der den Jungen auf diese Weise mit dem Schicksal seines Halbwaisentums konfrontiert, deutet auf eine Krippe, die von vielen Sternen beschienen wird. Er hofft wohl, das kitschige Bild würde sich Massimo einprägen, und mit ein bisschen Ehrfurcht vor dem Universum lässt sich vielleicht sogar der Verlust des wichtigsten Menschen verschmerzen. Doch Massimo hat mit seiner Mutter ganz andere Erfahrungen gemacht. Keine reicht an die Vorstellung einer himmlischen Wächterin auch nur annähernd heran. Massimo hat mit seiner Mutter Twist getanzt, er hat mit ihr die Fernsehserie über Belfagor (das „Phantom des Louvres“) gesehen, vor allem aber hat er mit ihr Verstecken gespielt, in einer süßen und schmerzhaften Vorwegnahme dessen, was dann tatsächlich eintritt: eines Morgens ist die Mutter nicht mehr da, und die Ausflüchte, mit denen die Fragen nach ihrem Verbleib beantwortet werden, verfolgen Massimo noch, als er längst erwachsen ist. Das Fernsehen ist in Marco Bellocchios Drama „Träum was Schönes“ („Fai bei sogni“) so etwas wie ein kollektives Unbewusstes, in dem er seine Verfilmung eines Romans von Massimo Gramelli zeithistorisch verankern kann. „Belfagor ovvero il fantasma del Louvre“ lief in Italien im Jahr 1965. Das Schauerstück prägt sich Massimo so stark ein, dass er daraus eine persönliche Religion macht.

          Alles, was er von nun an in seiner Einsamkeit so macht, tut er auf Geheiß der geheimnisvollen Figur mit der Maske. Der Vater hilft ihm wenig, um mit dem Verlust zurechtzukommen. Schon bald sitzt Massimo wieder mit einer Frau auf dem Sofa, dieses Mal mit einer schweigsamen Signora.

          Von der Familie zum Politischen und zurück

          Sie sehen eine Show mit dem Titel „Canzonissima“, ein Schlager von Raffaela Cara ragt aus der Vergangenheit in eine Gegenwart, in der Marco Bellocchio, inzwischen bald 80 Jahre alt und seit den frühen 1960er Jahren ein Zentralgestirn des italienischen Kinos, zunehmend zu einem Historiker der Gegenwart wird.

          „Träum was Schönes“ ist durchgehend von einem archäologischen Gestus geprägt, denn der erwachsene Massimo, den wir als Starjournalisten und Kriegsberichterstatter aus Sarajevo 1993 erleben, steckt tief in dieser Vergangenheit fest, von der auch Bellocchio eine Menge zu erzählen weiß. Denn in dem Jahr, in dem die Nation sich von Belfagor bis in die Träume verfolgen ließ, kam auch „Die Faust in der Tasche“ („I pugni in tasca“) heraus, der Debütfilm von Bellocchio, eine Familiengeschichte, wie könnte es in Italien anders sein, in einem Land, in dem die Mütter und die Väter gleichermaßen die Herrschaft führen, in dem jedoch die ödipale Bindung der Jungen an die Mütter der Schlüssel zu fast allen Geheimnissen ist. Bellocchio hat über die Jahre immer wieder Geschichten vorgelegt, die von der Familie auf das Politische und wieder zurück schlossen.

          Ein Versuch, mit populären Formen intellektuell zu arbeiten

          Das Melodram ist für ihn das grundlegende Genre, er verknüpft es immer wieder geschickt mit der Kolportage, mit seinen beiden späten Meisterwerken „Buongiorno, notte“ (2003, über den Terrorismus der Brigate Rosse) und „Vincere“ (2009, eine brillant spekulative Psychoanalyse des italienischen Faschismus in Gestalt des Duce höchstpersönlich) lotete er auch formal zwischen der Konzentration eines Kammerspiels und der großen Filmoper alle Möglichkeiten aus. Der traurige Journalist Massimo ist nun wieder eine Figur, die mitten in Bellocchios Begriff von Geschichte führt. Er ist ein Vertriebener aus einer verlorenen Zeit, die allenfalls noch in schwarzweißen Bildern von längst verwehten Olympischen Spielen in Erinnerung sein mag. Wer kennt noch die Namen von Turmspringern aus der Ära, in der selbst der Sport noch von der Aura der Unschuld umgeben war? Das Motiv des Sprungs von einem Zehnmeterbrett dient Bellocchio dann aber auch zu einer seiner typischen Verknüpfungen von innerem Bild und therapeutischem oder kathartischem Akt – es geht nicht darum, die Bilder aus dem Gedächtnis zu löschen, sondern sich von ihnen zu lösen, sie zu übermalen, wie das Kino eben auch die TV-Bilder aufgreift und umschreibt, wie es aus Konditionierungen neue Freiheiten gewinnt.

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          „Träum was Schönes“ hat vielleicht nicht in jeder Hinsicht die Konzentration von Bellocchios größten Filmen, an manchen Stellen ist er auch ein wenig zu deutlich in seiner Kulturkritik (wenn er etwa einen Fotoreporter in Sarajevo eine Szene so passend arrangieren lässt, dass daraus eine Bildsentenz wird und eine Lüge). Aber darüber kann man im Detail sprechen, an der Bedeutsamkeit des Langzeitprojekts ändert dies nichts. An Bellocchio kann man ersehen, was aus Fassbinder in Deutschland vielleicht hätte werden können, hätte der nicht seine Projekte so intensiv in wenigen Jahren durchpeitschen müssen. Die Absichten des späteren Fassbinder und von Bellocchio sind jedenfalls vergleichbar, und sie sind nach wie vor relevant für das europäische Kino im Ganzen: ein Versuch, mit populären Formen intellektuell zu arbeiten, sich dabei aus dem Gefängnis der Familie zu befreien, ohne es sprengen zu müssen, und auf einer Ebene von Gesellschaft anzukommen, ohne bei Parolen zu enden.

          Die vielleicht interessanteste Spur, die Massimo von der Urszene wegführen könnte (bei ihm ist es nicht die Intimität der Eltern, die ihn beschäftigt, sondern das leere Bett, das man ihm eines Tages zeigt), ist seine Begeisterung für den Fußballclub Torino FC (also gerade nicht für die viel populärere Juventus). Massimo könnte als Fan in das Regime des Vaters wechseln, er könnte sich aus der Melancholie lösen durch die Ekstasen des Torjubels. Aber er bleibt auch in dieser Passion distanziert – er schreibt über die Höhen und vor allem über die vielen Tiefen des Torino FC auf eine Weise, wie es nur jemand kann, der ganz bei der Sache und doch im Innersten distanziert ist: ohne Pathos, aber mit einem untrüglichen Blick. Das ist nebenbei auch eine schöne Charakterisierung der Weise, wie Marco Bellocchio Filme macht.

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