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Film: „Kindness of Strangers“ : Manhattan war selten so menschlich

Bild: Alamode Film

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat ihren neuen Film in New York gedreht: „The Kindness of Strangers“ verbindet die Geschichten von vier Menschen, die in der großen Stadt nach Wärme suchen. Aber der Film findet keine Bodenhaftung.

          3 Min.

          Mitten in der Nacht steht Clara auf und weckt ihre beiden Söhne. Leise verlassen sie das Haus. Kein Gepäck, die drei nehmen nur mit, was sie am Körper tragen. Der Wagen rollt aus der Einfahrt, während Claras Mann weiterschläft. Bei Sonnenaufgang sind sie in New York.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am selben Morgen tröstet die Krankenschwester Alice einen Mann, dessen Ehefrau im Sterben liegt, der Koch Marc feiert mit seinem Anwalt seine Entlassung aus dem Gefängnis, und Jeff verliert seinen Job als Matratzenverkäufer. Im Zorn wirft er seinen Bürostuhl aus dem Fenster des Lagerhauses. Der Stuhl landet vor den Füßen von Claras älterem Sohn.

          So könnte ein Film beginnen, der von vielem erzählt, was uns angeht, von häuslicher Gewalt, von Armut und Krankheit, von der Kälte der großen Stadt und von den Menschen, die sie aushalten müssen. Und die Dänin Lone Scherfig könnte die richtige Regisseurin für diesen Film sein, denn seit „Italienisch für Anfänger“ hat sie ein Geschick für Geschichten bewiesen, in denen viele und vieles miteinander verknüpft werden, Menschen, Orte und Schicksale, das Kino der Gefühle und das Kino des Sozialen. Scherfig hat von Selbstmördern erzählt („Wilbur Wants to Kill Himself“), von Liebesbetrügern („An Education“) und Vergewaltigern („The Riot Club“), und sie hat dabei stets den richtigen Ton für die Seelenlage von Charakteren gefunden, deren Tun nicht so eindeutig ist, wie es auf dem Papier erscheint.

          New York sieht aus wie in einem Urlaubsfilm

          Sie ist, anders gesagt, eine Erzählerin, für die es kein Gut und Böse gibt, sondern nur Abstufungen des Menschlichen. Das verbindet sie mit den großen europäischen Regisseuren wie Ken Loach und Almodóvar, aber es bedeutet, wenn man aus Dänemark kommt, einem Land, das von Hollywood so weit entfernt ist wie Lars von Trier von George Lucas, auch eine ständige Herausforderung. Der Humanismus der Form, dem sich Scherfig verpflichtet fühlt, muss immer neu ausgehandelt werden, mit Produzenten, Finanziers, Schauspielern, aber auch mit der Wirklichkeit, in der ihre Geschichten spielen.

          In „The Kindness of Strangers“, Scherfigs neuem Film, merkt man nach kurzer Zeit, dass dieser Aushandlungsprozess schiefgegangen ist. Das liegt nicht an den Figuren, die der Film nacheinander vorstellt, der jungen Mutter, die auf der Flucht vor ihrem prügelnden Mann mit ihren Kindern um Nahrung und Obdach betteln muss, der Krankenschwester, die ihre Einsamkeit durch selbstlosen Einsatz für andere kompensiert, oder dem Loser Jeff, der nach seiner Entlassung auch aus seiner Wohnung fliegt. Und es liegt auch nicht an den Schauplätzen, einer Selbsthilfegruppe in einer Kirchengemeinde, in der Alice den Exhäftling Marc und seinen Anwalt John kennenlernt, und einem russischen Restaurant, in dem nach und nach sämtliche Erzählstränge zusammenlaufen. Es liegt an der Welt, durch die sich Scherfigs Menschen bewegen.

          International, weltlos, mit einem Stich ins Abstrakte

          Es ist New York, aber man sieht es nicht, oder besser: Man sieht es nur wie in einem Urlaubsfilm, als Bildhintergrund. Der Großteil des Geschehens findet in Innenräumen statt, in Krankenhausfluren, Gemeindesälen, Küchen und die wenigen Szenen auf der Straße wirken wie eingeklebt, so als hätte die Regie versucht, eine Quote für Außendrehs zu erfüllen. „The Kindness of Strangers“ könne in jeder westlichen Großstadt spielen, hat Lone Scherfig in einem Interview erklärt, um schnell anzufügen, New York sei besonders international und deshalb am besten geeignet. Eben das ist auch ihr Film: international, weltlos, mit einem Stich ins Abstrakte gerade da, wo es schmerzlich konkret werden müsste wie in der Schilderung der Gewalt, die von Claras Mann, einem Polizisten, ausgeht. Der Film zeichnet das Schlimme weich und das Gute scharf, könnte man sagen, aber das wäre eine zu wohlwollende Beschreibung für dieArt, wie er den Konflikten, die ihn antreiben, permanent aus dem Weg geht.

          Den Schauspielern kann man das hölzerne Pathos dieser Geschichte nicht zum Vorwurf machen. Sie mühen sich redlich im Korsett ihrer Charaktere, und besonders Andrea Riseborough, die die Krankenschwester Alice verkörpert, schwingt sich in manchen Szenen zu einem Furor der Demut auf, der in einem anderen Film ebenso faszinierend wie verstörend wirken würde. Hier erscheint er wie ein Versuch, dem Planspiel der Regisseurin ein Element der Unberechenbarkeit zu unterlegen. Der Versuch gelingt, aber nur für einen Augenblick, so wie vieles, was im Kino das Hinschauen lohnt.

          In jüngster Zeit wird viel über die Abwanderung der sogenannten Qualitätsfilme zu den Streaming-Diensten geredet. An „The Kindness of Strangers“ kann man sehen, worin der Reiz dieser Produktionsform besteht: Als Dreistundendrama wie Scorseses „The Irishman“ hätte sich Scherfigs Film eine ruhigere, epischere Gangart erlauben können, seine Figuren wären weniger schablonenhaft, seine Wendungen weniger künstlich ausgefallen. Und vielleicht hätte er auch nicht in New York spielen müssen, der Stadt, die schon so viele Kinogeschichten geschluckt hat. Kopenhagen zum Beispiel ist doch auch ein aufregender Ort.

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