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Film: „Leid und Herrlichkeit“ : Die Kunst ist das formende Prinzip der Welt

Bild: Studiocanal

Ein großartiger Antonio Banderas als alternder Regisseur: Mit seinem neuen Film „Leid und Herrlichkeit“ hat sich spanische Regisseur Pedro Almodóvar, der immer ein Meister war, selbst übertroffen.

          4 Min.

          Wenn ein Mann träumt, er schwebe in einem Pool, mit einer groben Obduktionsnarbe vom Bund der Boxershorts bis zum Brustbein und transparenten Klebestreifen über den Augen, und dieser Mann dann aus dem Wasser auftaucht und die Zuschauerin unsicher ist, ob der Traum endet und ob das Auftauchen in diese Welt, die aussieht wie unsere, bedeutet, auch die Narbe war geträumt, weil der Mann ja offenbar am Leben ist – wenn ein Film so beginnt wie „Leid und Herrlichkeit“ von Pedro Almodóvar, bleibt der Eindruck für den Rest des Films zurück, dass hier ein Haarriss durch die Wahrnehmung geht. Dies ist kein realistischer Film, sagt das erste Bild. Er könnte geträumt sein. Oder erinnert. Oder halluziniert, wie die psychedelischen Farbmuster in Violett, Rot und Grün, über die der Vorspann lief, als Möglichkeit nahelegten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieses Changieren, Ineinanderblenden und Überschreiben von Erzählhaltungen, das bewusste Verbleiben in Zwischenbereichen ist keine Überraschung bei einem Film des spanischen Regisseurs, der wie kein anderer dem Bild seines Landes seit den Achtzigern eine breite Spur des Schrillen, Queeren, bunt Begehrenden eingezogen hat. Hier aber verbindet es sich mit mehr als einem Hauch von Melancholie und dem Bewusstsein eines sicheren Endes von alldem. Nicht gleich, noch nicht, aber auch nicht unendlich weit in der Zukunft. Drama oder Komödie? Das ist die Frage, deren Antwort sich erst am Schluss beantworten lässt.

          Einen Haarriss entfernt vom Realismus – so spielt auch Antonio Banderas diese Figur, die zu Beginn im Pool schwebt. Salvador Mallo heißt er, und obwohl der Regisseur ihm viele seiner eigenen Eigenheiten, seiner Vorlieben und seiner Schmerzen leiht, ist er doch nicht Almodóvars Spiegelbild. Vielmehr auch er eine Möglichkeit, eine Variation, eine Projektion des Regisseurs, seines Körpers, seiner Phantasien, seines Werks. Ein Film also voller Elemente von Autobiographischem, Selbstreferentialität, Autofiktion? Natürlich. Aber nicht die Selbstbespiegelung bestimmt „Leid und Herrlichkeit“, sondern die Verspieltheit, mit der diese Bruchstücke von Geschehen, Kunst und vergangenem Geschehen miteinander verbunden und ineinander verschachtelt und manchmal, wie im Titel, auch ironisiert werden.

          Ein Film wie ein ganzes Leben

          Worum sich die Handlung dreht in diesem Film, ist dies: Ein Filmregisseur, der seinen größten Erfolg vor mehr als dreißig Jahren feierte, in den Achtzigern, der Zeit des Aufbruchs in Spanien, der Zeit der Lavalampen, kann nicht mehr arbeiten. Warum nicht, das lässt Almodóvar seinen Helden anhand medizinischer Schaubilder erläutern, auf denen die Versteifung der unteren Wirbelsäule, der teuflische Schmerz im Kopf, die Innereien in Aufruhr zu sehen sind. Drehen wäre viel zu anstrengend für diesen schmerzgeplagten, depressiven Mann, der seine tägliche Pillendosis zerstampft und mit flüssigem Joghurt trinkt, bis er die segensreiche Wirkung des Heroins entdeckt, und die Kehrseite dieser neuen Abhängigkeit auch.

          Salvador will niemanden mehr sehen. Aber die Kinemathek in Madrid hat seinen letzten Film restauriert und ihn zu einem Publikumsgespräch eingeladen. Das führt ihn mit Alberto (Asier Etxeandía), seinem Hauptdarsteller von einst zusammen, mit dem er sich damals überworfen hatte, unter anderem, weil dieser die für den Kokserfilm falsche Droge nahm. Die nimmt er immer noch, kontrolliert, wie es scheint, und Salvador fängt an, mit ihm (und bald auch ohne ihn) Heroin zu rauchen.

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