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Video-Filmkritik: „La la Land“ : Romantik verboten? Nicht, solange ich noch da bin

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Der Film „La La Land“ von Damien Chazelle ist ein Traumtanz durch das Leben und die Künste. Er hat Bilder und Musik, die einem das Herz aufgehen lassen.

          4 Min.

          Es gibt zwei Möglichkeiten, dem morgendlichen Verkehrschaos in Los Angeles zu entkommen: Entweder man dreht durch, lässt das Auto bei laufendem Motor stehen und begibt sich auf einen einsamen Rachefeldzug durch die Großstadt. Das ist die Variante von Michael Douglas, dem zu Beginn von „Falling Down“ der Schweiß aufs Lenkrad tropft, während vor ihm die Autos im kilometerlangen Stau stehen. Nichts geht mehr weiter, das Leben ist ausweglos. Der Großstadtbewohner beherrscht nur noch hässliche Four-Letter- Words und vergrätzten Zynismus.

          Die andere Möglichkeit, die sich auf einem verstopften Autobahnkreuz in L.A. bietet, ist ein Stepptanz über Zeiten und Autodächer hinweg - zu singen und zu tanzen, bis auch der letzte Asphaltkönig aus seinem Kraftfahrzeug purzelt, mitgerissen wird vom Vibe einer Big Band, die plötzlich auf einer Lkw-Ladebühne aufspielt, als gäbe es keine dunklen Wolken am Morgenhimmel, als sei genau jetzt der richtige Moment, um alle Sorgen los- und alle Träume freizulassen. Der Stau als perfekter Ausgangspunkt für ein gemeinsames Freudenfest der Bewegung und des Lebens - so beginnt „La La Land“, der neue Film von Damien Chazelle. Mit einer grandiosen, überbordenden Musicalnummer, mit der gleich alles aufgefahren wird, was er an perfekter Choreographie, Kameraführung und retroschickem Szenenbild zu bieten hat.

          Was danach kommt, das ist der Versuch, den großen Übermut, das funkelnd Lebhafte der ersten Bilder einzufangen und auf die Erzählung einer klassischen Kino-Liebesgeschichte zu übertragen: Mia (Emma Stone) ist nach Hollywood gezogen, um Schauspielerin zu werden, hat es aber nur in die Cafeteria auf dem Studiogelände von Warner Brothers geschafft. Sie hetzt von einem demütigenden Vorsprechen zum nächsten und kommt doch nie über die ersten Sätze hinaus. Auf einer Poolparty lernt sie Sebastian (Ryan Gosling) kennen, einen talentierten Jazzpianisten mit zweifarbigen Schuhen, der von Miles Davis und der Eröffnung eines eigenen Clubs träumt, aber bisher seinen Unterhalt nur mit Hintergrund-Melodien in einem Sternerestaurant verdient. Bald tanzen die beiden im Sonnenuntergang, hören alten Jazz auf Vinyl, gehen ins Arthouse-Kino zur James-Dean-Vorstellung und danach an den Original-Drehort (dem berühmten Planetarium aus „Rebell Without a Cause“).

          Nicht nur für Musical-Freunde

          Solange Sommer ist und sie träumen, geht alles gut. Aber als der Herbst kommt und Sebastian als Keyboarder in der populären, aber seelenlosen Jazz-Rock-Band eines Schulfreundes (R’n’B-Star John Legend in seiner ersten Kinorolle) anheuert, auf einmal genug Geld, aber keine Zeit mehr hat, bekommt die phantastische Vorstellung von einem gemeinsamen Leben schnell Risse. Träumen konnten sie gut miteinander, Karriere machen sie besser alleine.

          „La La Land“, ein alter Spitzname für Los Angeles - die Stadt der funkelnden Lichter und verglühenden Sterne -, ist ein Film zwischen den Genres und Zeiten. Es gibt genügend Lied- und Tanzsequenzen, um das Ganze ein Musical zu nennen, es wird gesteppt, gepfiffen und gesungen, was das Zeug hält. Justin Hurwitz, der schon bei „Whiplash“, (Chazelles erstem großen Erfolgsfilm von 2014) die Musik komponierte, hat Songs geschrieben, die man sofort nachsummen kann, Mandy Moore Choreographien erfunden, denen man stundenlang zuschauen möchte. Aber - und das ist das besondere Geschick des Films - die Musical-Elemente dominieren nicht, lassen die Dialoge und Darsteller nicht hinter einer bonbonhaften Fassade verschwinden, sondern verstärken die zärtlich melancholische Grundstimmung des Films. Deshalb wird „La La Land“ auch jenen Zuschauern gefallen können, die sich sonst aus dem Genre „Musical“ nicht viel machen.

          Hommage an das alte Hollywood

          Vor allem durch das ruhig-verletzliche, nie selbstgewisse Spiel von Ryan Gosling wird die Opulenz der Bilder oft konterkariert, wird das hitzige Pathos der Liedzeilen und Paarbewegungen auf Körpertemperatur heruntergekühlt. Wenn er mit dünner Stimme auf einer Pierbrücke mit einem langsamen Brush-Step die Sterne ansingt, wenn er am Klavier sitzt und spielt (angeblich hat er das in nur drei Monaten gelernt), dann tut er das ganz selbstverständlich, fast nebenbei. Nur manchmal wird er laut und leidenschaftlich, wenn seine Schwester „romantisch“ wie ein verächtliches Schimpfwort ausspricht oder er Mia davon überzeugen will, dass der traditionelle Jazz zu Unrecht in Vergessenheit gerät: „The world says: ,Let Jazz die, it had its time.‘ Well, not on my watch.“ („Die Welt sagt: ,Lass den Jazz sterben, er hatte seine Zeit.‘ Nun, nicht nach meiner Zeitrechnung“).

          In diesem trotzig-kämpferischen Satz verbirgt sich das heimliche Motto des Films. Er steht für das Selbstbewusstsein, mit dem sich ein einunddreißigjähriger Regisseur zur Filmwelt der fünziger und sechziger Jahre bekennt. Denn „La La Land“ ist aus tiefer Bewunderung für das alte Hollywood geboren, für die Tanzperformances eines Fred Astaire oder Gene Kelly, die Kostüme einer Ingrid Bergman, den Schnitt eines Nicholas-Ray-Films. Chazelle zitiert ganze Bildsequenzen, lässt Szenen aus Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ von 1964 oder Vincente Minnellis „Vorhang auf“ von 1953 wiederauferstehen. Er hat in Cinemascope, dem alten Breitwandformat, und in anachronistisch langen Einstellungen gedreht: Die emblematische Paartanzszene über den Hügeln von Hollywood etwa ist ein sechs Minuten langer Take ohne Schnitt.

          Und doch, trotz aller Retrophantasie, all den Kleidern - entworfen von Mary Zophres -, die aussehen wie aus dem Vintage-Shop (allein Mia und Sebastian haben im Film mehr als fünfzig Kostümwechsel), spielt die Geschichte in der Gegenwart, sind die Müslis glutenfrei und die Glühbirnen beim Rockkonzert LEDs. „Emotionalen Realismus“ nennt Chazelle die Art seines Erzählens. Das ist keine schlechte Beschreibung für eine Regietechnik, die in nahezu historistischer Manier auf perfekte Ausstattung Wert legt, aber nie den existentiellen Konflikt aus den Augen verliert.

          „La La Land“ - gerade mit sieben Golden Globes ausgezeichnet - ist deswegen nicht nur ein Hoch auf die, die träumen, sondern auch ein sanfter Stich ins Herz all derjenigen, die trotzdem Kompromisse machen. Emma Stone und Ryan Gosling, die - nach „Crazy Stupid Love“ und „Gangster Squad“ - zum dritten Mal gemeinsam vor der Kamera stehen, sind damit endgültig zum neuen Hollywood-Traumpaar ausgerufen - ein Paar allerdings nicht wie Brad Pitt und Angelina Jolie, Tom Cruise und Nicole Kidman, sondern eher wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, besser noch: Cary Grant und Katharine Hepburn. Wie in „Whiplash“ gibt es auch in „La La Land“ ein furioses, musikuntermaltes Finale und einen letzten Blick, in dem sich Traurigkeit und zärtlicher Sarkasmus mischen. Am Ende ist es nur eine Augenbraue, die sich schnippisch hebt - aber mit ihr verschwindet ein ganzer Traum. 

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